Das Verdecklein
Das Dach selbst nennt Porsche ein „Sonnen- und Wettersegel“. Um es zu montieren oder demontieren benötigt es eine kleine Einschulung und einige Arbeitsschritte. Besser, wenn man dabei zu zweit ist, sonst marschiert man im Zuge der Verwandlung fünf Mal ums Auto. Hat man das System erst begriffen, funktioniert es aber mit bundesdeutscher Präzision und Genialität. Der Vorteil: das Dach wiegt nur sechs Kilo und verschwindet klein zusammengerollt in speziellen Aufnahmen unter der Heckklappe. Außerdem erlaubt das Sonnensegel die üppige Ausprägung zweier Hutzen auf der hinteren Klappe, was dem Boxster speziell in der Seitenansicht einen völlig neuen Charakter verleiht. Die Nachteile: mit aufgesetzter Kapuze ist die Höchstgeschwindigkeit auf 200 km/h limitiert, Einfahrten in eine Waschstraße sind generell verboten. Die Lärmdämmung ist praktisch nicht existent. Das Dach ist eben eine Notlösung, denn eines ist klar: Spyder fährt man offen.
Nicht so heiß gegessen wie gekocht
Bevor wir nun endlich wegfahren, muss noch ein kleiner Einschub gemacht werden. Die Verzichtserklärung des Fahrers ist zwar konzeptmäßig vorgesehen, aber nicht in Stein gemeißelt. Wer lieber doch die Lehnen der Sitze verstellen will, kann ohne Aufpreis die regulären (aber schwereren) Sportsitze bestellen. Ebenso kann ohne Aufpreis ein Radio oder gegen saftige 3381 Euro sogar das komplexe PCM-Infomationssystem mit Navigation angekreuzt werden. Unser Spyder hatte sogar eine Klimaautomatik, das Telefonmodul, eine Einparkhilfe und vieles mehr an Bord. Das pervertiert natürlich die Schlichtheit der Türschlaufen, vergoldet aber den Alltag mit Goodies, an die man sich halt längst gewöhnt hat. Man sieht also: Die scharfe Suppe muss nicht ganz so heiß gegessen werden, wie sie serviert wird.
Gepfeffertes Ambiente
Doch dass das Gericht in jedem Fall scharf ist, das steht außer Zweifel. Schon beim Einsteigen grüßen die formidablen Schalensitze mit ihren griffigen Alcantara-Bezügen. Sie zwingen dich in eine stramme, aber keineswegs ungemütliche Haltung – und umklammern dich wie eine Boa constrictor. Besser kann man in einem Sportwagen nicht sitzen. Die roten Gurte bilden gemeinsam mit den Türschlaufen und den Nadeln der Instrumente ein Triumvirat der Sportlichkeit, außen ergänzt durch rote Bremssättel und zwei rote Bügel auf der Heckklappe, die der Fixierung des Dachs dienen. So sehr im Innenraum auch das Streben nach Verzicht merkbar ist – was uns Porsche übrig gelassen hat, ist in seiner Materialqualität, im Design und in der Verarbeitung weiterhin fantastisch. Und damit drehen wir endlich den Zündschlüssel um.
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