Mercedes-Benz SLS AMG Roadster: Streitwagen
Er hat 571 PS, fährt locker 317 km/h und kostet oben offen die Kleinigkeit von 239.900 Euro – die Rede ist vom Mercedes-Benz SLS AMG Roadster. Kaum ein anderes Auto ist optisch so auffällig und dennoch so zahm zu fahren, wie das Geschoss der Mercedes-Tochter AMG.

Für satte 258.024 Euro steht der getestete SLS AMG Roadster in der Liste.
Es gehört schon eine gesunde Portion Exhibitionismus dazu, den SLS AMG durch dicht bewohntes Gebiet zu manövrieren. An das Glotzen hätten wir uns ja vielleicht noch gewöhnen können. Aber mit dem Gedanken, dass sich unsere Visage nach der dreitägigen Testfahrt auf den Speichermedien geschätzter 7.345 Fotohandys befindet, können wir uns nicht so recht anfreunden. Wenigstens blieb uns eines am Steuer des SLS AMG erspart: Der Kompetitionswille ansonsten einem gepflegten Hatzerl nicht Abgeneigter, erstickt in Anbetracht des machtvollen Stuttgarters im Keim.
Dampfhammer
Kein Wunder, stehen doch bereits nach 3,8 Sekunden 100 und nach 11,3 Sekunden bereits 200 km/h auf der Uhr. Sense ist´s erst bei 317. Möglich macht diese Werte ein maschineller Gewaltakt: Acht weit hinter der Vorderachse montierte Zylinder, mit insgesamt 6,2 Liter Hubraum beaufschlagen das an der Hinterachse platzierte 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe bereits bei 4750 U/min mit 650 Nm Drehmoment. Dass dieser Urgewalt selbst die rücklings montierten, ultrabreiten 295er-Schlappen nicht gewachsen sind, versteht sich von selbst und zeigt sich spätestens beim Ausprobieren des „Race Start“-Modus (so heißt die Launch Control bei Mercedes). Denn auch hier finden die 20er-Walzen kaum halt am Asphalt und drehen locker bis 50 km/h durch. So lag die von uns schnellst gemessene Zeit mit 4,10 Sekunden dennoch unweit der Werksangabe. Den V8 hört man dabei stets tief bollern und beim Runterschalten frech rotzen und sprotzen - ein Gedicht!
„C“ wie chillen, cruisen, …
Wer den Drehschalter in der Mittelkonsole auf „Comfort“ stellt, kann mit dem 4,64 Meter langen Geschoss ganz pomale mit 50 im fünften Gang durch die City cruisen und dabei endlich Zeit und Muße finden, die zigfachen Verstellmöglichkeiten der formidablen Sportsitze auszukundschaften. Dabei kann von Sitz eigentlich gar nicht die Rede sein, eher von Liegesessel, schließlich legt man sich förmlich in den Roadster – so müssen sich wohl Formel 1-Fahrer fühlen. Einmal Platz genommen, schweift der Blick über den mit blankem Alu und feistem Leder ausgetäfelten Innenraum und die scheinbar nicht enden wollende Motorhaube. So als säße man in einer Kutsche – äußerst weit hinten, mit den Zügel in der Hand, für die weit vorn montierten Streitrösser. Die Zügel sind im Falle des SLS ein angenehm kleines Lenkrad mit zwei darauf montierten Schaltwippen, und so weit vorne wie man glaubt ist der V8-Sauger gar nicht platziert. Denn wo bei anderen Fahrzeugen der Motorraum längst ein Ende findet und der Fahrgastraum bereits anfängt, hört beim SLS gerade mal die Kühleinheit auf.
Volle Hütte mit schlechtem Ausblick
Apropos Kühlung: Den beiden Passagieren stehen alle nur erdenklichen Annehmlichkeiten, die Mercedes zu bieten hat, zur Verfügung: Von vorne kühlt die 2-Zonen-Klimaautomatik, von unten die Sitzlüftung und von hinten wärmt die „AIRSCARF“ genannte Nackenheizung. Ein Navigationssystem und eine grandiose Soundanlage, dürfen da natürlich genauso wenig fehlen, wie die dringend benötigte Rückfahrkamera und der Totwinkel-Assistent, denn die Rundumsicht könnte bescheidener nicht sein: Den Blick nach schräg vorn, schränken die beiden dicken A-Säulen ein und den Blick nach hinten, die durchtrainierte Schulter des SLS samt Überrollbügel und Kopfstütze – sowohl offen als auch geschlossen. Das Verdeck, in unserem Fall in beige, öffnet und schließt komplett elektrisch bis Tempo 50 in 11,3 Sekunden. Mit Sitzheizung und AIRSCARF lässt es sich auch bei 15 Grad Celsius Außentemperatur bequem oben offen im SLS Roadster reisen. Auch wenn wir bei Sportwagen eigentlich nicht näher auf deren Kofferraumvolumen und Zuladung eingehen, seien die Wert des SLS AMG Roadster auch mal erwähnt: 173 Liter und 240 kg.
Zum Weinen
Wer die Aufmerksamkeit der anderen Leute braucht, die Wahnsinns-Summe von 239.900 Euro (das sind zwei Porsche 911 Carrera S) locker auf den Tisch legt und sich anschließend den Unterhalt leisten kann (allein die Befüllung des 85 Liter-Tanks bereitet unsereins schmerzen), ist mit dem Mercedes-Benz SLS AMG Roadster bestens bedient. Alle anderen müssen wohl auch in Zukunft davon träumen, denn einen günstigen Gebrauchten wird es vom SLS vermutlich nie geben.
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DruckenSenden11.10.2012 von Raphael Gürth
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