BMW X1 xDrive20d: Gerade noch ein SUV
So muss ein SUV in Zeiten wie diesen sein: Kompakt, agil, sparsam, ohne Großmannallüren. Für unseren Geschmack könnte der X1 preislich allerdings etwas attraktiver gestaltet sein.

Perfekte Mischung zwischen 1er BMW Und X3: Der neue X1 ist ein politisch korrekter SUV.
Eingangs ein kleiner Plausch aus dem Nähkästchen: Der Autor dieser Zeilen wohnt im Wiener Nobelbezirk Hietzing. Das ist eher Zufall, denn Zeichen seiner Solvenz. Der Weg zur Arbeit führt allmorgendlich an der hiesigen Volksschule vorbei. Wer sich einen Überblick über den gegenwärtigen SUV-Markt verschaffen will, ist dort gut aufgehoben. Da reihen sich monströse SUV-Kaliber a la Cayenne, Q7, X5, M und ML aneinader und entladen die hoffnungsfrohe Brut. Mehr als zwei Tonnen Blech, 6, 8, 10 oder 12 Zylinder, ein Minimum von 250 PS und Allradantrieb um 30-Kilo-Menschleins dem Unterricht zuzuführen. Anschließend geht es, nein, nicht durchs wilde Kurdistan, sondern zum Supermarkt, der, Gott sei Dank, mit Schrägparkplätzen ausgestattet ist. Danach wird das Sackerl mit der Biomilch und den Wattepads in den 500-Liter-Kofferraum gehievt und der mit einem maximalen Zuladung von 700 Kilogramm ausgestattete Offroad-Laster über perfekt asphaltierte Straßen nach Hause bewegt, wo schon die Zugehfrau Einlass begehrt.
Politisch korrekte SUV-Alternative ohne Imageverlust
Jetzt attestiere ich oben beschriebener Klientel einmal aufs gerade Wohl und in einem Anfall vom Glauben an das Gute im Menschen, dass auch sie sich in ihren Fullsize SUVs in Zeiten klimatischer Erwärmung nicht mehr ganz so wohl fühlen. Die Absatzzahlen deuten jedenfalls in diese Richtung. Allein, es fehlte bislang an adäquaten Alternativen: Dem SUV-Aufbau will man dann ja doch nicht abschwören und was anderes als deutsche Produkte kommt gar nicht in die Tüte. Freilich, es gibt den Tiguan, aber der wirkt dann doch gar ein bisschen sehr bieder. Da wären zwar noch X3, Q5, XC60 und GLK - gar so klein dimensioniert sind die allerdings auch nicht. Es muss noch kleiner gehen: Und hier tritt der neue BMW X1 auf den Plan.
Der Zeitgeist-SUV
Der BMW X1 sieht zwar aus wie ein SUV, von den Abmessungen her kommt er aber eher einem Vertreter der Golfklasse nahe. 4,4 Meter misst der Neuzugang in der Münchner X-Familie in der Länge und 1,5 Meter in der Höhe. So richtig evident werden die knapp gehaltenen Abmessungen, kommt der X1 an der Ampel neben einem dicken SUV-Brummer zu stehen. Dann befindet man sich auf Augenhöhe mit den Türgriffen des Nachbarn. Minderwertigkeitskomplexe kommen aber dennoch nicht auf. Ganz im Gegenteil: im X1 hat man das Gefühl in der einzig gültigen, dem Zeitgeist in vollem Umfang entspechenden Interpretation eines SUV zu sitzen. Beim Rittern um die raren Parkplätze, beim Manövrieren in den oft kriminell eng geschnittenen Garagen
und beim Ausnützen der immer seltener werdenden Verkehrslücken erhärtet sich dieses Gefühl dann vollends.
Einfach teuer
Etwas trügerisch ist die Optik des X1. Dynamisch sieht er aus, mit einem Tick wohldosierter Aggresivität. Thirtysomethings scheint er auf den Leib geschnitten zu sein. Wer dann allerdings die Preisliste studiert, wird sich schnell darüber klar: Der Mini-SUV richtet sich eher an gesetztere Herrschaften. Familiengründer, so jüngst kein Erbe ausbezahlt wurde, werden den Schauräumen eher fern bleiben. Unser Test-X1 mit 177 aus einem 2-Liter-Commonrail generierten PS und xDrive schlug sich mit knapp 42.000 Euro zu Buche. Und das ohne Leder, ohne Navi oder andere, diesen Preis rechtfertigenden Optionen. Starker Tobac allenthalben.
Auf der nächsten Seite: So fährt sich der BMW X1 xDrive20d.
Interieur: perfekt, aber etwas fade
Dem juvenilen Äußeren nicht ganz entspricht das Interieur des X1. Das ist BMW-Ware, wie man sie kennt: ergonomisch perfekt zwar, exzellent verarbeitet, aber mittlerweile etwas altvatrisch. Gerade der X1 hätte sich doch angeboten, bei der Innenraumarchitektur etwas mehr Experimentierfreude an den Tag zu legen, die Optik etwas aufzufrischen.
Agil und effizient
Fahrerisch ist der X1 über jeden Zweifel erhaben. Wie schon erwähnt, bringet die kompakte Dimensionierung eine für SUVs bislang ungekante Agilität mit sich. Mit einem Kleinwagen läßt es sich im innerstädtischen Gewühl auch nicht behänder herumwuseln. Der von uns gefahrene 2-l-Diesel mit 177 PS ist nicht zu unrecht die Volumensmotorisierung des X1. Die 350 Newtonmeter Drehmoment stehen bereits ab 1.750 Touren parat. Anfahrschwäche?Fehlanzeige! Das straffe Fahrwerk erfreut bei sportlicheren Kurvenjagden, ist aber dann doch so konziliant, dass Passagiere auf holprigem Terrain nicht zu Unmutsbekundungen verleitet werden. Und wo BMW derzeit auch kaum jemand etwas vormachen kann ist bei der Effizienz der Motoren: Über siebeneinhalb Liter kamen wir je kaum hinaus. EfficientDynamics sein Dank! Auch eine klare BMW-Domäne: Die Geschwindigkeit, mit der hinterm Steuer die perfekte Sitzposition gefunden ist. Im Fond allerdings kann es im X1 mitunter schon etwas eng werden. Der Kofferraum genügt mit seinen 420 Litern Alltagsansprüchen allemal. Auf Reisen, bei voller Besetzung muss wohl eine Dachbox herhalten.
X1 vs. 3er Touring?
Noch ein kleiner Exkurs zum Schluß: Eine Frage, mit der wir uns während der X1-Testphase immer wieder konfrontiert sahen war, warum man den Schrumpf-SUV einem 3er Touring mit XDrive vorziehen sollte. Ganz schlüssig und vor allem rational beantworten konnten wir diese Frage nicht. Vom Radstand her sind 3er Touring und X1 gleich. Platzmäßig ist der Kombi klar im Vorteil. Und, mit Allradantrieb ausgestattet, hat der Touring gegenüber dem X1 im Gelände mit Sicherheit kein Nachsehen. Auch der preisliche Unterschied fällt nicht ins Gewicht. Auf der Haben-Seite kann der X1 die zwar nur leicht, aber doch erhöhte Sitzposition für sich verbuchen. Und auch psychologisch kann das Xerl punkten: Wie kaum eine andere Fahrzeuggattung ist ein SUV Zeichen beruflichen Erfolgs und somit bei den Statussymbolen unangefochten automobile Nummer 1.
Drucken30.12.2009 von Christian Zacharnik