Es ist schon erstaunlich, wie sich so ein Bestseller wandeln kann. Der legendäre VW Golf, derzeit in seiner siebten Generation wohlfeil, erstreckt sich vom emissionsfreien Elektro-Golf bis hin zum 300 PS-Hobel namens R, jüngst vorgestellt im tiefverschneiten Schweden, auf Schnee und Eis. Dies als idealen Lebensraum für den stärksten Golf aller Zeiten vorzustellen, hat gute Gründe, Doch dazu später.
Best of Motor
300 PS also stemmt das Topmodell der Golf-Reihe aus einem 2,0 Liter TSI-Benziner. Die Zylinderanzahl bei den R-Modellen reduziert hat man schon beim vorigen Golf, auch dieser wurde von einem Zweiliter-TSI befeuert, allerdings von einem gänzlich anderen. Im Grunde ist es derselbe Turbo-Benzineinspritzer, der auch den Golf GTI Performance (230 PS) antreibt. Völlig neu entwickelt, voll von Intelligenzen. So wird etwa der Abgaskrümmer durch die Wasserkühlung geführt, was kürzere Warmlaufphasen bringt, nicht unwichtig bei einem Vollblut-Sportler. Eine vollelektronische Kühlmittelregelung ermöglicht ein effizientes Thermomanagement, die Werksangabe von unter sieben Litern auf 100 km klingt dann aber doch ziemlich optimistisch.
Allrad
Besonders intelligent präsentiert sich der 4MOTION Allradantrieb des Golf R, ausgestattet mit einer Haldexkupplung der fünften Generation, die die Kraftverteilung von vorn nach hinten und im Bedarfsfall auch wieder zurück, flink wie behende regelt, direkten Zugriff per Gaspedal jederzeit ermöglicht. Unterstützt wird der Antrieb durch allerlei elektronische Helferleins, so präzisiert etwa ein XDS+-System (bremst die kurveninneren Räder bei Bedarf ab) hocheffizient die Spurführung. Das ESP lässt sich zweistufig auf Pause schieken: entweder voll und ganz oder im "Sportmodus". Dann wird nur dezent mitgeregelt, bei vollem Bremseneinatz sind alle Systeme wieder voll da.
Schneemobil
Und damit ist auch schnell erklärt, warum sich der Golf R gerade auf einem fein eingeschneiten Eissee am liebsten bewegen lässt. Es kommt Freude auf, wenn man es nur so stauben lässt. Wenn die weiße Gischt spritzt, lässt man den Motor (natürlich per "Fahrerlebis-Moduswechsler in die Race-Abteilung geklickst) richtig röhren, dann ist der Autofahrerhimmel für schlimme Buben schnell erreicht. Driften-üben lässt es sich ebenfalls vorzüglich. Dass man bei der Siebener-Version einfach den guten, alten Handanker (for those who dont know: Handbremse) in Pension geschickt und durch so ein ekeltronisches Hebelchen getauscht hat, schmerzt uns Puristen zwar, aber für exaktes Hinternwedeln nutzen wir neuerdings sowieso lieber den gut dosierten Gashebel.
Fahrerlebnismodi
Zunächst sind wir im Comfortmodus unterwegs, nicht lange dauert es freilich, bis man sich per Touchscreen selbst zum Supersportler kürt. Race lautet die Ansage, die Freude macht und vor allem hochpubertär wie herrlich daherlärmt. Ein Touch-Dings weiter heissts aber auch schon ECO und spätestens dort wähnt man sich gleich mal ein paar Klassen degradiert, in sportlicher Hinsicht. Nichts klingt mehr, der Verbrauch sinkt aber auch nicht sofort ins Bodenlose. Race passt überhaupt besser zu diesem Auto, das genau jenen Wildfang gibt, welchen der Golf GTI quer durch alle Generationen gerne dargestellt hätte.
Feeling
Kraft ist schließlich immer genug da, wenn mit Doppelkupplungsgetriebe DSG geliefert, dann sogar auch immer auf Zug. Das Triebwerk und die Turbo-Konfiguration sind manierlich und vornehm erzogen, nie nervt einen ein hysterisches Viertopf-Hochdrehen, im Gegenteil: die Kraft von unten ist beeindruckend. Den Gasslhatzer, der der GTI einmal war und der einem ab und an richtig abgeht, kompensiert der neue R mit Leistung satt, für den kecken Hunderter-Sprint reichen gar unter 5 Sekunden. Auch das Innere gefällt, man gibt sich als Golf R der Saison 2014 sehr erwachsen, vor allem was die verwendeten Materialien betrifft. Telematik und so sind - wenn bestellt - sowieso Stage of the Art. Fast schon zu erwachsen .... haben wir das nicht schon mal erwähnt? Ach ja: wie es heutzutage bei stärkeren Autos zum guten Ton gehört, sorgt auch der Golf R per Sound-Ästhetik via Stereoanlage für guten Ton. Witziges Detail: um den Sound im Race-Modus richtig räudig zu gestalten, ward unterhalb der Windschutzscheibe ein Stifterl angesetzt, das jene in Vibration versetzt und sie vor sich hin röhren lässt - Hauptsache laut.
Preis
Günstig ist der Spaß freilich nicht, der Top-Golf startet als Sechsgang-Schalter preislich bei 45.070 Euro inkl. aller Steuern, DSG kostet im Schnitt 2.000 Aufpreis (man erwartet hierzulande einen 95Prozent-Anteil der Doppelkuppler). Wie immer schafft er aber eine Art Spagat, die einen die allgegenwärte Unvernunft ebenso oft und voller Selbstvertrauen spüren lässt, wie gutturale Souveränität. Und alles immer exakt je nach Bedarf.






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