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Volvo XC60

Volvo XC60 Intensivtest

18.10.2013 | 00:00 | (autonet)

China? Höchstens Himalaya!

Die Befürchtungen eingefleischter Volvoianer, man würde den neuen Modellen den chinesischen Eigentümer anmerken, sind zerstreut: der Volvo XC60 ist sowas wie die Quintessenz der letzten vierzig Jahre im Göteborger Automobilbau.

Von Franz J. Sauer

Überhaupt scheint es einem, als ob die ganze Volvo-History seit den späten Sechzigern auf das Thema SUV hingearbeitet hätte. Man stand für große, robuste Autos, die gern ein bisschen playmobilig aussehen durften. Dafür waren sie nicht kaputtzukriegen. Als andere Hersteller sich längst im Wettrüsten von PS- und Newtonmeter-Werten matchten, punkteten Volvos noch immer vor allem mit der Angabe ihrer durchschnittlichen Lebensdauer. Die längst legendäre Baureihe 240 wurde recht unverändert von 1974 bis 1992 unters (Familien-)Volk gebracht, solide wie erfolgreich in Image und Aussenwirkung. Und so was wie designtechnischer Charme überkam die Autos aus dem südschwedischen Göteborg erst wieder ab der Jahrtausendwende mit Modellen wie einem S60, einem V70 oder gar dem Coupé/Cabrio C70 (zunächst in Zweigestalt, dann ab 2006 schließlich in einem Modell auftretend).

Insofern nahmen die Volvos der letzten 40 Jahre vorweg, was uns seit bald 15 Jahren die SUVs im Straßenbild suggerieren. Insofern könnte man den anno 2002 geborenen XC90 als eigentlich ersten echten Volvo, der zu 100 Prozent dem Markenkern entsprach, bezeichnen. Die richtig stimmige Volvo-Interpretation des beliebten SUV-Segmentes kam aber rund sechs Jahre später mit dem XC60 zur Welt. Zwar wurde er ins Modellportfolio als „Kompakt-SUV“ eingefügt, auch teilte er sich mit – damals noch eng verwandten – Kompaktkraxlern wie dem Landrover Freelander diverse Teile. Wer aber erstmals hinterm Gouvernal eines XC60 Platz nahm, spürte sofort: dies ist der erste, echte Volvo-SUV. Dem großen Bruder in vielerlei Hinsicht überlegen und einfach das stimmigere Auto. Dass sich derlei auch im Publikumsinteresse widerspiegelt, könnte man zwar auf das enger kalkulierte Preisgefüge (Einstieg ab 42.000 Euro hierzulande) zurückführen, aber auch die bloße Schwere des Wagens kombiniert mit seiner optischen Leichtfüßigkeit machte den 60er auch für all jene schnell zur ersten Wahl, die bislang in höchster Markentreue von der direkten Linie 240 – 940 – 850 – XC90 nicht abwichen (man darf übrigens auf den neuen XC90 gespannt sein, der, mehr als überfällig, für das nächste Jahr versprochen wird).

Platzangebot? Riesig. Komfortgefühl? Groß bis großartig. Technik? State of the Art. Motoren? Diesel, unbedingt. Zwar bevölkerte ein bärenstarker und wohlklingender Dreiliter-Sechszylinder den Vorderbau unseres Testwagens, überzeugen konnte das 304 PS starke Aggregat aber nicht wirklich. Schon hat der XC60 zwei Tonnen, schon tritt der Sechsender, vor allem wenn man ihm auf der Autobahn die Sporen gibt, prächtig an. Wenig belohnend fügt sich hier aber ein Benzinverbrauch von durchschnittlich 11,7 Litern ins hippe Gesamtbild, den wir trotz gut 80 Prozent Überland-Verkehr kaum unterschritten. Und so überragend reisst einen die Beschleunigung des Benziner-Kraftwerks dann auch nicht in die Rückenlehnen, als dass man die bauartbedingten Widrigkeiten des ausschließlich in Kombination mit dem Geartronic-Sechsgang-Automatikgetriebe lieferbaren Aggregates bereitwillig in Kauf nimmt (zur Erklärung: die R-Version steht beim XC60 anders als bei früheren Volvomodellen wie etwa dem V70 R bloß für eine Ausstattungslinie mit speziell optischen Einzigartigkeiten).

Hervorragend präsentiert sich hingegen die Ausbalanciertheit des doch großen und schweren Wagens, was die Fahrwerksagenden anbelangt. Nichts schwankt, nichts neigt sich übermäßig, gegen Seitenwind wird wikingerhaft interveniert, zügig gefahrene, enge Kurven sind genauso eine Hetz wie sich langgezogene, schnell angegangene Autobahnkurven in Souveränität wiegen. Die Bremsen, groß und üppig, haben leichtes Spiel mit den knapp zwei Tonnen Eigengewicht nebst Zuladung und auch die Verarbeitungsqualität der Kunststoffteile im Innenraum lässt uns Vertrauen schöpfen, dass hier auch in 100.000 Kilometern nichts knistert und knastert, wie wir das von den verarbeitungstechnisch enttäuschenden Volvos der späten Neunziger so schmachvoll kennen.






Seit der Modellretusche im letzten Sommer kommt der XC60 nun optisch ein wenig streamgelineter des Weges, charakterlich blieb er allerdings unverändert. Mit feiner Feder wurde am Äußeren gefeilt, hier ein Linchen nachgezogen, dort ein Fälzchen geglättet. Die Details erkennt man erst auf den zweiten Blick, wiewohl man gleich sieht: hier ist was anders. Tiefgreifender geht’s im inneren zur Sache, neuerdings bekommt der XC60-Fahrer all seine relevanten Infos vom selben Digital-Mäusekino geliefert, das auch im herrlich futuristischen V40 seinen Dienst tut. Dieses lässt sich, je nach vorgewähltem Fahrmodus, verfärben, wers sportlich mag, kriegts sportlich rot, die Basisvariante glimmt in Blauwal-Blau und für die Eco-Anzeige wurde naheliegenderweise ein grünes Erscheinungsbild gewählt. Witzig kommt im Standard- wie im Eco-Modus die Gestaltung des Drehzahlmessers als gerenderte Waagen-Lupe, sowas kennen Youngtimer-Freunde noch aus dem Citroen CX (nur war es dort mechanisch). Für Entertainment, Kommunikation und Navigation ist ein Extra-Schirmchen zuständig, das auf der Mittelkonsole thront, hier hat sich im Vergleich zur Erstversion kaum was geändert, auch die Generation Touchscreen findet im XC60 (leider) noch nicht statt. 

Was zunächst verblüfft und später nachhaltig begeistert ist die angenehme Wuchtigkeit des Fahrzeuges. Ich meine, wer sich einen ausgewachsenen SUV wie diesen bestellt, will damit wohl kaum allabendlich über den Exelberg wedeln. Er möchte Sicherheit subjektiv wahrnehmen können, auf der Autobahn wie im Stadtverkehr. Dass das Kompakte des XC60 ausgerechnet beim Parameter Wendigkeit aus seiner sonst sehr guten Deckung tritt, ist letztlich auch kein Fehler. Und für gutturalen wie ausreichenden Vortrieb sorgen hier jedenfalls die zwei größeren Dieselmotoren, die dank ihres althergebrachten Fünfzylinder-Prinzipes nicht nur gottvoll klingen, sondern auch mit ausreichend Drehmoment für die Niederungen des Tourenzählers ausgestattet sind. Der T6 kann schließlich nur dort glänzen, wo man per Heckdeckel repräsentieren muss. Im Fahrbetrieb kann er nichts wirklich besser als die stärkeren zwei Selbstzünder, die sich noch dazu in punkto Verbrauch erfahrungsgemäß bescheiden geben. 

Gute Nachrichten also für Knapp-Kalkulierer, die bislang V40/50/60 fuhren und nun in die Hochstelzenabteilung von Volvo wechseln möchten. Festgestellt sei hier allerdings in aller Strenge: kaufen Sie Sich keinen XC60 ohne Allradantrieb. Das wäre Sparen am falschen Platz. Man zieht einem erfahrenen Scherpa schließlich auch nicht die Bergschuhe aus, wenn er einen zur Spitze des Mount Everest führen soll.

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