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Statt des V12-Motors gehen im Rolls-Royce 102 EX zwei Elektromotoren mit 394 PS Leistung ans Werk. Unter der Motorhaube sitzt das größte Lithium-Ionen-Akkupaket das je in einem Auto eingebaut wurde.
 
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Rolls-Royce 102 EX: Das Geisterschiff

Elektroantrieb in einem Rolls-Royce - damit trifft die BMW-Tochter den Nagel auf den Kopf.

08.04.2011 | 00:00 | (autonet)

Pssst, jetzt mal bitte die Ohren spitzen und ganz, ganz leise sein! Und? Nichts! Genau das ist das Lieblingsgeräusch eines Rolls-Royce-Kunden. Denn mehr als Lack und Leder, Prunk und Protz schätzen die Vielzahler unter den Autofahrern die himmlische Ruhe an Bord der rollenden Luxusyachten – nicht umsonst haben die Autos trotz ihrer gewaltigen Größe fast schon ätherische Namen wie Phantom oder Ghost. Waren die Luxusliner aus Goodwood schon bislang eine Oase der Stille, wird es jetzt noch leiser an Bord – zumindest beim Forschungsfahrzeug 102 EX. Schließlich ist er das erste Elektroauto unter den Prunklimousinen.

Der rollende Fragebogen
Mit dem vor ein paar Wochen in Genf enthüllten Prototypen will die BMW-Tochter ausloten, wie weit der Geldadel für sein grünes Gewissen gehen würde. Und weil man den Königen und Konzernchefs nicht einfach einen Fragebogen schicken kann, geht Rolls-Royce mit dem Auto dafür auf Welttournee. „Wir wollen so viele Kunden wie möglich hinter das Steuer bekommen, um uns ein sicheres Bild von ihrer Meinung zu machen“, sagt Unternehmenssprecher Frank Tiemann. „Erst dann werden wir entscheiden, ob der Elektroantrieb für Rolls-Royce eine denkbare Alternative ist.“ Noch bevor jedoch die Besserverdiener in Hongkong und Hollywood ans Steuer dürfen, waren wir mit dem geistergleichen Dickschiff auf geräuschloser Fahrt durch den Süden Englands.

800 Nm Beam-Faktor
Die beginnt trotz aller Stille ausgesprochen imposant. Denn anstelle des 460 PS starken V12-Motors starten nun zwei E-Maschinen an der Hinterachse, die zusammen auf 394 PS kommen. Wichtiger aber sind die sagenhaften 800 Nm Drehmoment, die von der ersten Sekunde an zur Verfügung stehen und den über drei Tonnen schweren Luxusliner scheinbar mühelos in Fahrt bringen. Keine acht Sekunden vergehen, dann schwebt der fliegende Teppich mit Tempo 100 über die engen Sträßchen um Goodwood, und wenn es mal etwas freier würde, dann wären sogar 160 Sachen drin. Mehr wollen die Ingeniere mit Rücksicht auf die Reichweite nicht erlauben. Aber schneller darf man außer in Deutschland und auf dem eigenen Grund und Boden ohnehin nirgends fahren. Was tatsächlich in dem Prunkwagen steckt, merkt man allerdings auch ohne Vollgasfahrt auf der linken Spur – zum Beispiel beim Überholen: Kaum fällt ein Schatten aufs Gaspedal, schnellt der Phantom auch schon am Vordermann vorbei. Während in einem konventionellen Rolls-Royce spätestens jetzt ganz aus der Ferne der Motor zu hören wäre, bleibt es im 102 EX selbst dann so still, als hätte Scotty einen nach vorne gebeamt.

Größter Lithium-Ionen-Akku in einem Auto
Die Energie für diesen Kraftakt liefert der größte Akku, der je in einen Pkw eingebaut worden ist. Er besteht aus 96 Lithium-Ionen-Zellen von der Größe eines Telefonbuchs, wiegt mit 640 Kilo fast so viel wie ein Kleinwagen und hat eine Kapazität von 71 kWh. Das reicht für 200 Kilometer, versprechen die Briten. Je mehr man bremst, desto länger kann man mit dem Phantom fahren. Dann polt sich nämlich der Elektromotor um, wird zum Generator und lädt die Batterie. Dieses Rekuperieren ist bei Rolls Royce so sanft, dass die hohen Herrschaften im Fond es kaum mitbekommen – selbst wenn man am Lenkrad in die stärkere Stufe der Energierückgewinnung schaltet.
Die Geduldsprobe
Während Johann oder James die elektrische Ausfahrt ihrer Herrschaften bis hierhin genießen werden, beginnt für sie bei der Rückkehr eine arge Geduldsprobe: Denn bei einem derart großen Akku sind die Ladezeiten immens. Schon mit Starkstrom braucht der 102 EX acht Stunden fürs Volltanken, und an der normalen Steckdose muss man 20 Stunden einplanen – so viel Kreuzworträtsel kann kein Mensch machen. Doch immerhin hat sich Rolls-Royce für den 102 EX etwas besonders einfallen lassen und nicht nur eine verglaste Klappe über die beleuchtete Strombuchse konstruiert. Sondern weil der Umgang mit schmutzigen und störrischen Kabeln alles andere als schicklich ist, setzen die Briten auch auf Induktionsladung: Über eine spezielle Platte am Wagenboden und im Asphalt kann der Luxusliner so ohne weitere Handgriffe ganz einfach beim Parken getankt werden.

E-Antrieb trifft die Kernwerte der Marke
Grundsätzlich ist ein Rolls-Royce trotz seiner Größe und seines Gewichts für den Batterieantrieb denkbar gut geeignet. Denn die flüsterleise, fast geisterhafte Fahrt im Elektroauto passt perfekt zur Noblesse eines Phantom. Außerdem sind viele der Luxuslimousinen nur auf Kurzstrecken in der Stadt im Einsatz, weil die Besitzer für alle längeren Wege in den Privatjet umsteigen. Sollten sie allerdings doch einmal eine weitere Strecke fahren wollen, dürfte die limitierte Reichweite für sie genauso unproblematisch sein wie die Ladezeit: Weil Geld in dieser Klasse noch immer keine Rolle spielt, dürften sie für solche Fälle noch einen konventionellen Phantom mit V12-Motor oder zur Not so etwas profanes wie einen Siebener BMW in der Garage haben. Selbst der Aufpreis, der beim aktuellen Einkaufspreis für die Lithium-Ionen-Zellen auf dem Niveau eines Mittelklasse-Wagens liegen dürfte, wird Phantom-Fahrer kaum schrecken: Das zahlen sie sonst bereitwillig für eine besondere Lackierung oder ein spezielles Leder.

Die Realisierungs-Chancen
Offiziell ist er 102 EX nur eine Technologiestudie, der allein der Meinungsbildung dient. Rolls-Royce wird deshalb nicht müde zu betonen, „dass dieses Auto so nie in Serie gehen wird.“ Doch nur als Imageträger und rollenden Fragebogen haben die Briten das Auto ganz sicher nicht gebaut. Schließlich ist aus den letzten EX-Modellen immer etwas geworden; auch wenn es manchmal etwas länger gedauert hat. Der EX 101 zum Beispiel brauchte drei Jahre, bis daraus das Phantom Cabrio geworden ist. So ein Zufall, dass in ziemlich genau dieser Zeitspanne auch der neue Phantom fertig sein sollte.
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