Das Geheimnis liegt im Detail. Eines davon offenbart sich erst bei genauem Hinsehen beziehungsweise Zählen. Und zwar an den Flügeln des klassischen, stets behutsam modernisierten Logos, das Bentley markiert. Das nur dann echt ist, wenn es links zehn, rechts elf Federn hat. Eine Asymmetrie, die ein Symbol ist für die Harmonie, die den Produkten der englischen Traditionsmarke zugrunde liegt. Auch wenn sie längst nicht mehr rein englisch ist, da sie seit 1998 unter den Fittichen des VW-Konzerns agiert. Und sich seither von der fast sieben Jahrzehnte lang tonangebenden und modellbestimmenden Zwillingsschwester Rolls Royce - deren Namensrechte sich BMW gesichert hat - optisch sowie technisch distanziert und nicht nur firmentechnisch eigenständig agiert.
„Flying B"
Trotz des nunmehr deutschen Familienoberhauptes und der damit verbundenen deutschen Technik-Gene sind des Gründervaters - Walter Owen Bentley - Kinder und Kindeskinder mit dem geflügelten Logo des „Flying B" in ihrer Gesamtheit britisch geblieben. Und das so überzeugend, dass man sogar zum offiziellen Hoflieferanten der englischen Königsfamilie avanciert ist. 2002 kreierte man in Crewe im Auftrage Ihrer Majestät Queen Elizabeth II. die State Limousine (auf Basis des Arnage), die anlässlich des Goldenen Thronjubiläums ihre Jungfernfahrt absolvierte und seither in ihren Diensten steht. Das war eine absolute Premiere. Für das Königshaus. Und für Bentley. Es gibt davon genau zwei Exemplare. Eines davon dient gewissermaßen als Backup, in körperlichem und technischem Sinne.
Das Gabel-Ding
Abgesehen von der Klärung der Asymmetrie des Flügel-Logos hat Nigel Lofkin, unser versierter Tourguide der ausführlichen Factory Visit (Werksbesichtigung) in Crewe/England, am Stammsitz und Werksstandort von Bentley, eine Reihe von weiteren Enthüllungen parat. Er ist ein wandelndes Lexikon, und er lässt es sich partout nicht nehmen, uns eloquent in deutscher Sprache durch die Produktionshallen zu geleiten. Mit der Aura eines stets präsenten, doch in höchstem Maße unaufdringlichen Butlers stellt er uns unter anderem einen Mitarbeiter persönlich vor, der Lenkräder mit Leder bezieht, beziehungsweise benäht. Dieser demonstriert uns, wie es zustande kommt, dass die Nadelstiche in stets konstantem Abstand gesetzt werden können: Indem mittels Spezialbestecks - einer simplen Speisegabel! - die Löcher vormarkiert werden. Etwas, das die Queen fasziniert und amüsiert, ebenso Besucher, die sich hinter der Herstellung der Edel-Limousinen ausschließlich hoch automatisierte Vorgänge erwarten.
à la Manufaktur
Die Hochtechnologie fehlt natürlich nicht, darauf schauen sowohl das englische Stamm- als auch das deutsche das Mutterhaus. Es rattern, surren und zischen allenthalben Maschinen, in der Näherei, in der Zuschneiderei, in der Schleiferei und so weiter. Doch die werden von Menschen bedient. Schon sind auch Roboter im Einsatz. Jedoch nur die nötigsten. Das Produktionsband des Continental etwa umfasst 62 Arbeitsstationen. Zwei davon sind automatisiert. Der Rest wird von Menschenhand gemacht. Selbst wenn es nur darum geht, zur rechten Zeit den richtigen Knopf zu drücken, etwa, wenn Motoren und Antriebe in die Karosserien montiert - „verheiratet", wie es Nigel ausdrückt - werden. Dazwischen wird, siehe oben, an Lenkrädern genäht und ebenso an Sitzbezügen sowie Türverkleidungen. Es wird an Alu-Teilen gebohrt, an Stahlteilen geschweißt, an Holzfurnieren geschliffen, durch Leder und Stoff geschnitten, an Armaturenbrettern geschraubt, an Kunststoffoberflächen geschliffen, an Lackteilen poliert. Kolben werden per Hand in die Zylinder geschoben. Handwerk hat hier einfach Tradition. Das Bentley-Werk ist mehr Manufaktur denn Fabrik. Mit dezentem Geräuschpegel und in taghellem Licht. Bis hin zur finalen Station, der Endkontrolle an der, wiederum, Menschen dominieren, und weniger die - sehr wohl vorhandenen - Messgeräte.
Stolze Belegschaft
Der enorm hohe Anteil an Handwerk hat einen hohen Anteil daran, was Bentley ausmacht. Darauf ist die Belegschaft stolz. Auch wenn sich die meisten kaum jemals eines der Fahrzeuge, an dem sie werken, leisten könnten. Doch kommt, wie zwei Mitarbeiter des Wood Shops erklären, selten Neid auf, auf jene die sich einen Bentley gönnen können. Viele von diesen kommen nach Crewe und schauen ein Weilchen zu, wie ihr individuell aus schier unzähligen Lack-, Leder- und (Wurzel)Holzfarben und -Sorten sowie Ausstattungsoptionen zusammengestelltes Einzelstück - kein Bentley gleicht dem anderen, ob Mulsanne, Continental oder New Flying Spur - entsteht. „Manche sagen dann, dass sie immer noch viel zu wenig bezahlen, wenn sie gesehen haben, wie viel Handarbeit etwa in einer simplen Aschenbecher-Abdeckung aus Wurzelholz steckt", konstatieren die Holzbearbeitung-Spezialisten.
Das Handwerk hat für Bentley zunehmend goldenen Boden. 2013 konnte ein Wachstum von plus 19 Prozent (gegenüber 2012) erzielt werden. Das 95-Jahr-Jubiläum - 1919 war die Gründung erfolgt - markiert einen Absatzrekord von 10.120 Fahrzeugen (2012: 8.510). Das ergibt für Bentley im Luxus-Segment derzeit einen Marktanteil von 25 Prozent. Wichtigstes Absatzgebiet ist Amerika, China folgt an zweiter Stelle. Doch auch in Europa konnte man sich steigern, um 11 Prozent, und auf dem Heimmarkt gar um 25 Prozent. Von der Gesamtproduktion werden 86 Prozent der hergestellten Fahrzeuge außerhalb Englands ausgeliefert.
Das Werk in Crewe en detail
Unter den Dächern der Hallen an der Pyms Lane in Crewe, in der englischen Grafschaft Cheshire, ist alles versammelt, was zu einer Auto-Produktion gehört: Design, Entwicklung, Technik (Planung, Konstruktion, Maschinenbau etc.), Manufaktur (Holz, Leder, Aluminium etc.), Qualitätskontrolle, Sales und Marketing. Die gesamte Anlage - Baubeginn war 1938, ab 1939 lieferte Crewe die ersten Merlin-Motoren aus - umspannt momentan knapp 435.000 Quadratmeter. Etwas mehr als 151.500 Quadratmeter davon sind überdacht. Auf den Dächern ist mit etwa 3,5 Hektar Fläche die zur Zeit in England größte Solaranlage montiert. Im Bau befindet sich in unmittelbarer Werks-Nähe ein neuer Showroom, der unter anderem auch eine Bentley-Erlebniswelt inkludieren wird. Derzeit sind in Crewe rund 4.000 Mitarbeiter beschäftigt. Die Tendenz ist steigend, angesichts der neuen, der vierten Modellfamilie, die mit dem künftigen SUV (Arbeitstitel EXP 9F) 2016 auf dem Markt starten wird. Pro Tag werden rund 25 Continental- und vier Mulsanne-Modelle gefertigt. Für einen Continental GT beträgt die Produktionszeit 104, für einen New Flying Spur 130, für einen Mulsanne 399 Arbeitsstunden. Letzterer ist das einzige Modell, das komplett - inklusive des nicht nur für sein Hubraummaß berühmten 6,75-Liter-V8-Motors - in der Pyms Lane gefertigt wird. Dazu ist Crewe jener Standort im VW-Konzern, der die meisten Sechsliter-W12-Motoren herstellt (66.537 Einheiten seit 2003). Mehr als 18.000 Komponenten aus 700 Unternehmen in 32 Ländern (auf sechs Kontinenten) werden angeliefert. 82 Zuliefer-Betriebe befinden sich in einem 50-Meilen-Umkreis (etwas mehr als 80 Kilometer) des Werks.
Streng geheim!!!
Soweit die offenen Geheimnisse von Bentley. Über eines jedoch hält unser Tour-Butler Nigel eisern den Mantel des Schweigens gebreitet: Wie der Neue, der SUV, der mit dem Arbeitstitel EXP 9F, wirklich aussehen werde, ob er so sein würde wie jenes Konzept-Modell, das 2012 auf dem Genfer Autosalon zu sehen war. Seine Miene verschließt sich sofort, wenn die Rede auf die künftige vierte Bentley-Modellreihe kommt, er kommentiert nicht, dass an dem einen oder anderen Werkstück ein Post-it mit dem Vermerk „SUV" klebt. In jedem Fall laufen die Vorarbeiten für die Realisierung des Edel-Offroaders - Mitte des Vorjahres war für die Realisierung grünes Licht gegeben worden - auf Hochtouren. Derweilen passiert ein unauffällig gehaltener Audi Q7 in auffälligem Testgeräte-Ornat das Werkstor. 2016 soll das auch der noch geheimnisumwobene neue Bentley tun, für dessen Optik der seit 2012 ebenfalls neue Design-Chef Luc Donckerwolke verantwortlich sein wird.
Racetrack
Gar kein Geheimnis dagegen ist, dass Bentley nach dem Tourenwagen-Doppelsieg in Le Mans von 2003 (auf Continental GT) wieder ins Renngeschehen einsteigt. Und damit zu den Wurzeln Bentleys zurückkehrt, zumal der Ahnvater der heutigen Hochleistungs-Schiffe vor allem enthusiastischer Rennfahrer war, als Leitfigur der legendären Bentley-Boys. Der Satz „win on sunday, sell on monday" (gewinne am Sonntag, verkaufe am Montag) trifft nach wie vor zu. Wer auf der Rennstrecke gewinnt, gewinnt auch im Schauraum, liefert damit handfeste Verkaufsargumente. Diese soll der Race-GT3 nicht nur für den Continental liefern. Der 1.300 Kilo leichte Doppelturbo-V8 mit sequenziellem Sechsganggetriebe hat seine Premiere vor - erlauchtem - Publikum im vergangenen Sommer beim Festival of Speed in Goodwood gefeiert und seinen ersten Renn-Einsatz am 13. Dezember 2013 in Abu Dhabi geliefert („Gulf 12 Hours", zwei Mal sechs Stunden). Der Einstieg in die aktuelle Saison - beim ersten Rennen des Jahres im Rahmen der „Blancpain Endurance" - steht für den 12. April an, in Monza/Italien. Das Top-Highlight werden die 24 Stunden von Le Mans sein, quasi die Stamm-Siegesstrecke für Bentley. Am 14./15 Juni.
Erlebnis Bentley
Doch zurück nach Crewe: Um das Erlebnis Bentley fühlbar zu machen, hatte man zwei Juwelen aus der historischen Abteilung startklar gemacht: W. O.'s eigenes Gefährt von 1930, den legendären Achtliter, und, aus der gleichen Zeit, einen Sechsliter. Eine kurze Chauffeurs-Tour führte zur Rookery Hall. Die Beckhams, die dort geheiratet hatten, waren nicht da. Die beiden Klassiker - die, das darf nicht unerwähnt bleiben, keine Spur von Altersmüdigkeit zeigen - hätten ihnen vermutlich sowieso die Show gestohlen. Denn nicht nur die Mitarbeiter in Crewe sind stolz auf ihre Bentleys. Zurück in die Jetztzeit durfte man dann selber fahren, mit aktuellen Modellen: Continental GT Speed, New Flying Spur (in der W12-Version) und Mulsanne. Dabei ging's je nach Gefährt rotzig röhrend, sanft säuselnd oder in kontemplativer innerer Stille über die Dörfer und die Hügel bis nach North Wales, auf gemischtem Straßenprogramm, von Autobahnen über einspurige Ortsdurchfahrten bis zu schmalen Landsträßchen.
Marktstart für die S-Version
Inzwischen wurde die neue V8 S-Version des Continental GT (528 PS) für den Transport nach Österreich vorbereitet, wo er demnächst, Ende März, als Coupé und als Cabriolet in eintreffen wird. Für einen Ab-Preis von 233.880 beziehungsweise 264.880 Euro. Die weiteren neuen Bentley-Kandidaten im laufenden Modelljahr sind, wie in Genf vor Kurzem präsentiert, der facegeliftete und gestärkte Continental GT Speed (mit 635 PS) sowie die Einsteiger-Variante des New Flying Spur mit 4,0-Liter-V8 und 507 PS. Auch sie werden demnächst ihr Österreich-Debüt liefern.
