Der schnellste, stärkste Bentley aller Zeiten: Wie fahren sich 630 PS um knapp 300.000 Euro? Autonet hat nachgeforscht.
Der Brustkorb wird gegen die Lehne gedrückt, das Hirn klebt an der hinteren Schädelwand, sämtliche Sinne laufen auf Notprogramm. Der Lärmpegel ist unbeschreiblich, selbst mit Brüllen könnte man sich nicht verständigen. Wenn hier jemand brüllt, ist es der Motor. Und dann läuft plötzlich alles umgekehrt: Der Körper hängt im Gurt, die Augäpfel treten aus den Höhlen, sämtliche Sehnen und Muskeln am Hals müssen Überstunden machen, um den Kopf nicht gegen das Lenkrad schlagen zu lassen. Dann steht das Auto, leise knisternd: ein Bentley Continental Superports. Was ist denn hier passiert?
Das schwarze Schaf
Die jüngere Erfolgsgeschichte von Bentley begann Anfang des neuen Jahrtausends mit dem Continental GT – einem 2+2-sitzigen Gran Turismo mit W-Zwölfzylinder und Allradantrieb; schön langsam wuchs die Familie mit einer viertürigen Limousine (Flying Spur), einem Cabrio (GTC) und einer etwas sportlicheren Variante (GT Speed); allerdings vermisste man bislang noch ein Mitglied, das in keiner guten Familie fehlen darf: das schwarze Schaf. Als solches gibt’s nun den Supersports – die in jeder Richtung extremste Auslegung der Continental-Idee.
Stärker, schneller, extremer
Um auch im Extremismus perfekt zu sein, modelten die Fachleute im britischen Crewe sicherheitshalber das gesamte Auto um. Es beginnt beim Motor: Die Leistung wurde auf 630 PS und das Drehmoment auf wahnwitzige 800 Newtonmeter hochgezüchtet, was den Supersports zum stärksten Street-Bentley aller Zeiten macht. Die daraus resultierenden Fahrwerte sind atemberaubend: 100 km/h erreicht man nach lediglich 3,9 Sekunden, der Topspeed liegt bei 329 Stundenkilometer. Um diese brachialen Werte mit der geforderten Souveränität zu verknüpfen, wurde das Fahrwerk tiefer gelegt und verstärkt. Die hintere Spur ist breiter, was als Nebeneffekt zu molligeren Radhäusern führte, die der Continental-Linie ganz ausgezeichnet stehen. Außerdem wurde auch der Allradantrieb deutlich hecklastiger ausgelegt, was die Agilität in der Kurve verstärkt. Mit anderen Worten: Man schmiert aus den Ecken wie die Kugel aus dem Magazin.
Die Hightech-Diät
Ein weiterer Baustein für den supersportlichen Ansatz ist der Gewichtsverlust: Ganze 110 Kilo konnte Bentley einsparen, und das hauptsächlich durch die Verwendung von Hightech-Komponenten. So werden die Bremsscheiben hier serienmäßig aus einer Karbon-Keramik-Mischung gefertigt, die wunderbar filigranen 20-Zoll-Felgen aus Magnesium. Allein damit sind schon mehr als 20 Kilo an ungefederten Massen eingespart. Den Löwenanteil trägt aber die Bestuhlung bei; die hinteren Notsitze sind zur Gänze verschwunden, stattdessen lässt sich im frei gewordenen Raum zusätzliches Gepäck verstauen. Der Bentley-Fachmann empfiehlt maßgefertigtes Accessoire aus der Alfred-Dunhill-Kollektion. Das Gepäck wird übrigens mittels einer quer laufenden Kohlefaser-Strebe gesichert, die auch für Steifigkeit sorgt.
Auch die Vordersitze mussten abspecken. Zum Glück, denn so kommt der Bentley-Fahrer in den Genuss einer besonderen Preziose: Die Supersports-Sitze wurden ursprünglich für die 1001-PS-Ikone, den Bugatti Veyron, entwickelt. Sie verfügen über Kohlefaser-Schalen, lassen aber die Lehnenneigung manuell verstellen. Die Höhe kann man als Fahrer nicht verändern, wohl aber in der Werkstatt auf die eigenen Körpermaße justieren lassen. Über diese Sitze kann man sonst nicht viel sagen, außer: Es sind die besten Sitze, die wir jemals in einem Auto vorgefunden haben.
Schneller schalten
Wie bei allen Continental besitzt auch der Supersport ein Sechsgang-Automatikgetriebe mit Schaltpaddles hinter dem Lenkrad. Für den forcierten Einsatz wurden jedoch die Zeiten der Gangwechsel halbiert, was die Anschlüsse noch spontaner und die Beschleunigunsgzeiten besser macht. Wer den Kitzel des blitzschnellen Hochschaltens und der fauchenden Zwischengas-Stöße ohne eigene Eingriffe erleben will, stellt die Automatik einfach auf Position „S“. Man könnte sagen: Zurücklehnen und genießen, aber eigentlich wäre es doch ratsam, alle Sinne auf Alarmstufe Rot zu stellen
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