Porsche Cayenne: Zwischen Vernunft und Vergnügen
Überarbeitete Optik, mehr Leistung und weniger Verbrauch. So lässt sich der neue Porsche Cayenne wohl am besten beschreiben. autonet.at ist den neuen Schwaben-SUV bereits testgefahren.

Umweltfreundlicher denn je: Die "Grüne Welle" hat auch den Porsche Cayenne voll erwischt.
Er steht wie kein anderes Auto am Pranger der Klimakritik und gilt seinen Gegnern als Sinnbild der automobilen Unvernunft. Doch für Porsche war und ist der Cayenne ein Erfolgsmodell, das den Schwaben in vielen Ländern erst die Tür geöffnet und den Weg zu neuen Kundengruppen erschlossen hat. Statt sich auf ihre Sportwagen zu konzentrieren und Familienväter oder andere Viererrunden mit dem Panamera zu ködern, halten die Stuttgarter deshalb konsequent an ihrem Geländegiganten fest und rücken nun die zweite Generation ins Rampenlicht.
Allerdings entdeckt der Buhmann jetzt die Vernunft und fährt mit abgespeckter Statur, sparsameren Motoren und einem Hybridantrieb aus dem Kreuzfeuer der Kritik. Trotzdem bedient Porsche natürlich auch weiterhin die niederen Instinkte und liefert den Cayenne wie eh und je auch als Turbo mit gewaltigen 500 PS, den selbst 3,4 Liter Verbrauchsvorteil nicht gerade zum Sparmodell machen. In den Handel kommt der Sportler unter den SUV am 8. Mai, und die Preise beginnen bei 69.350 Euro.
Gewaltakt der Ingenieure
Auch in der zweiten Auflage ist der Cayenne ein Zwilling des VW Touareg und folgt damit den Vorgaben der neuen Konzernmutter aus Wolfsburg. Wurde er so bei der ersten Auflage zu einem wenig individuellen Klon des Bestsellers aus Niedersachsen, ist das diesmal allerdings kein Schaden mehr. Denn während die Designer außen und vor allem Innen genügend Spielraum für eigene Ideen hatten, haben die Ingenieure mit vereinter Kraft einen wahren Gewaltakt vollbracht: Schließlich ist der Wagen nicht nur im Radstand um vier und in der Länge sogar um fünf Zentimeter gewachsen, sondern vor allem ist er dank neuer Bleche und großflächigem Aluminiumeinsatz mehr als 150 Kilogramm leichter geworden. Und einen geringeren cw-Wert hat er obendrein.
Obwohl oder gerade weil Porsche mittlerweile unter das Wolfsburger Konzerndach gerückt ist, haben sich die Entwickler bei der Neuauflage des Cayenne erfolgreich um noch mehr Eigenständigkeit bemüht. Deshalb fährt das Schwaben-SUV in den meisten Versionen mit einem anderen Allradantrieb als der Niedersachse, unter der Haube stecken zum Teil völlig eigenständige Motoren, und auch beim Design gehen die beiden Brüder unterschiedliche Wege. So ist der Cayenne beim Generationswechsel nicht nur sehniger und sportlicher geworden und hat seine vorlaut aufgerissene Schnauze ein wenig geschlossen, sondern künftig gibt es auch von weitem keine Verwechslungsgefahr mehr.
Panamera fürs Grobe
Wie weit die eigenen Wege gehen, merkt man erst reicht im Innenraum: Zwar zählt hier wie dort die um 16 Zentimeter verschiebbare Rückbank zu den wesentlichen Innovationen. Denn mit ihr kann man Kniefreiheit und Kofferraumvolumen (670 bis 1780 Liter) individuell justieren. Und natürlich übernimmt auch Porsche Assistenzsysteme wie den Tempomat mit intelligenter Abstandsregelung oder den elektronischen Blick in den Toten Winkel. Doch wo der Touareg die Nähe zu Passat & Co sucht, wirkt der Cayenne mit seiner imposant zwischen die Sitze gebauten Mittelkonsole und den neuen Instrumenten ein bisschen wie der Panamera fürs Grobe. Nicht umsonst sind auch die Sitze vorn wie hinten viel sportlicher ausgeformt als im Touareg, und nicht umsonst spielt die Musik auf Wunsch wie im Panamera aus einer Burmester-Anlage.
Wieso man sich im neuen Cayenne wie auf einem U-Boot in Tarnfahrt fortbewegt und wie die Motoren-Diät für mehr Leistung und weniger Verbrauch sorgt, lesen Sie auf der zweiten Seite - hier klicken.
Grüne Welle
Wichtiger als die Schönheitskur ist den Schwaben allerdings der Sparkurs, der den Cayenne ein wenig sozialverträglicher machen soll. Vorreiter auf der Grünen Welle ist der Cayenne S Hybrid, den Porsche für 89.400 Euro verkauft: Unter seiner Haube arbeiten ein 333 PS starker V6-Benziner und ein E-Motor mit 47 PS im Team. Allerdings ist der Stromer stark und die Batterie groß genug, dass der grüne Gigant bis Tempo 60 auch mehrere Kilometer geräuschlos und sauber ohne Sprit durch die Stadt säuseln kann. Weil er zudem auf der Autobahn bis weit jenseits der Richtgeschwindigkeit ohne Motor „segelt“ und die Ingenieure auch sonst an jeder Sparschraube gedreht haben, sinken der Normverbrauch auf 8,2 Liter und der CO2-Ausstoß auf 193 g/km.
Das macht den vermutlich größten und schwersten Porsche zugleich zum sparsamten Benziner im Modellprogramm und erzwingt ein gewisse Umdenken am Lenkrad: Wer bislang lasziv mit dem Gasfuß gespielt hat an der Ampel alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, surrt jetzt wie ein U-Boot auf Tarnfahrt durch die Innenstadt und hört selbst bei Autobahntempo oft nicht viel mehr als das Rauschen des Windes und das Rollen der Reifen. Dabei bleibt der Fahrspaß nicht auf der Strecke. Schließlich schnurrt der Teilzeitstromer in stolzen 6,5 Sekunden auf Tempo 100 und erreicht mehr als respektable 242 km/h.
Mehr Leistung, weniger Verbrauch
Aber der Hybrid ist nur die Speerspitze einer Sparoffensive. Denn auch die anderen Motoren machen eine ordentliche Diät, bei der die Leistung steigt und der Verbrauch zurückgeht. Dabei helfen auch die neue Achtgang-Automatik und die serienmäßige Start-Stop-Funktion, die man bei der Konkurrenz noch vergebens sucht. So leistet der V6-Benziner des Basismodells jetzt 300 statt 290 PS, ist aber mit 9,9 statt 12,9 Litern zufrieden und damit etwa 20 Prozent sparsamer. Auch beim Diesel für 69.700 Euro legen die Schwaben noch einmal nach: Zwar hat der drei Liter große V6 weiterhin 240 PS, doch braucht er jetzt statt 9,3 nur noch 7,4 Liter.
Zwar ist der Fortschritt bei den beiden 4,8 Liter großen V8-Motoren noch imposanter. Schließlich steigt im Cayenne S (88.600 Euro) die Leistung um 15 auf 400 PS, während der Verbrauch um 3,4 auf 10,5 Liter zurückgeht. Und für den mindestens 140.000 Euro teuren Turbo nennt Porsche nun einen Verbrauch von 11,5 statt 14,9 Litern. Doch kann und will dabei kaum jemand von einem Sparmodell sprechen: Während VW den V10-Diesel und den W12-Benziner aus Gründen der Political Correctness aus dem Programm genommen hat, bedient Porsche damit ganz ungeniert auch weiterhin die Fraktion der Vollgas-Vergnügten. Schließlich ist es genau das, was viele Kunden vor allem in Amerika und Arabien von den Schwaben erwarten.
Ungenierte PS-Pornographie
Und wer zumindest mal kurz den Blick auf den Bordcomputer vergisst, kann sich der Faszination für den Turbo kaum entziehen: Während sich der Fuß aufs Gaspedal senkt und der Achtzylinder wild durch den Auspuff brüllt, strafen bis zu 700 Nm das Gesetz von der Trägheit der Masse Lügen und wuchten den 2,2-Tonner in 4,7 Sekunden auf Tempo 100, als wäre er ein übermotorisierter Kleinwagen. Und bei einer Höchstgeschwindigkeit von 278 km/h braucht es gar nicht mehr das martialische Design der ersten Generation, damit alle anderen freiwillig die Linke Spur räumen.
Obwohl der Cayenne Turbo beinahe ungenierte PS-Pornographie ist, für die man sich in Düsseldorf mehr schämen muss als in Dubai oder Denver, haben die Ingenieure auch hier ein wenig Balsam fürs geplagte Gewissen eingebaut: Denn wenn die Start-Stop-Automatik an der Roten Ampel selbst im Turbo den Motor abdreht, fühlt man fast wie in einem Öko-Auto – zumindest, bis man das nächste Mal Gas gibt.
Drucken14.04.2010 von Thomas Geiger