Sicherheit: Ein Schlenker als Lebensretter
Der Mercedes der Zukunft kann Fußgänger erkennen und vor einem Unfall automatisch ausweichen.
Eine Milliarde Rechenoperationen pro Sekunde benötigt der Ausweichassistent von Mercedes-Benz, um zu Entscheiden, ob ein Ausweichmanöver möglich ist.
Das nimmt ein böses Ende: Mit Tempo 50 rollt die S-Klasse an den parkenden Autos vorbei, als hinter einem Kleintransporter plötzlich ein Fußgänger auf die Straße tritt. Zwar gehört das zu den Standardsituationen in der Führerscheinausbildung, doch in der Praxis ist hier ein Unfall fast schon vorprogrammiert: Bis der Fahrer reagiert und das Auto gebremst hat, liegt der Passant längst auf dem Wagen. Selbst mit weichen Stoßfängern und crashaktiven Motorhauben sind in solchen Fällen schwere Verletzungen vorprogrammiert. Denn Fußgänger haben keine Knautschzone. Nicht umsonst sind bei 14 Prozent aller tödlichen Verkehrsunfälle in Deutschland Passanten die Opfer.
Fahrzeug bremst automatisch und schlägt einen Haken
Diesmal allerdings bleibt es bei der Schrecksekunde. Denn noch bevor die Insassen überhaupt begreifen, was sich da vor ihnen abspielt, steigt das Auto automatisch in die Eisen, schlägt einen kleinen Haken und kommt quietschend neben dem Fußgänger zu stehen. Während der Fahrer und sein Sozius noch mit dem Adrenalin kämpfen, sitzt Walter Ziegler gelassen im Fond und blickt zufrieden auf die Computerbildschirme. Schließlich gehört der Mercedes-Forscher zu jenem Team, dass für das glückliche Ende dieser Simulation verantwortlich zeichnet.
Lenkradeingriff erfolgt nur bei freiem Umfeld
Möglich macht das ein neuer Ausweichassistent, den die Schwaben jetzt erstmals vorgestellt haben: Schneller als jeder Autofahrer liefert die Elektronik dafür eine detaillierte Situationsanalyse, sucht nach Risiken, wägt Gefahren ab und entwickelt Notfalllösungen: Lässt sich ein drohender Unfall allein mit Bremsen verhindern, steigt sie automatisch und mit voller Kraft in die Eisen. Ist es dafür schon zu spät, greift sie bei entsprechend freiem Umfeld auch in das Lenkrad und trimmt die elektrische Servolenkung so, dass die S-Klasse wie auf Schienen um den Fußgänger herumfährt.
Über eine Milliarde Rechenoperationen pro Sekunde notwendig
„Für dieses System nutzen wir eine Stereokamera, die wie das menschliche Auge Bewegungen, Geschwindigkeiten, Entfernungen und Richtungen erkennen kann“, erläutert Ziegler. Um deren Bilder auszuwerten, braucht es allerdings mehr Rechenleistung als von einem ganzen Matura-Jahrgang: Über eine Milliarde Operationen pro Sekunde müssen die Computer durchdeklinieren, bis das Fahrzeug seine Umgebung sieht und den Bewegungsablauf möglicher Hindernisse vorhersagen kann.
Was das System alles beachten muss und ab wann damit in Serienfahrzeugen zu rechnen ist, erfahren Sie auf Seite Zwei.
DruckenSenden28.07.2009 von Thomas Geiger