Nissan GT-R Black Edition: Der Porsche-Killer
PlayStation auf der Straße: Mit 530 PS, besserer Aerodynamik und modifiziertem Fahrwerk schaufelt Nissan noch mehr Kohlen ins Feuer.

Der GT-R verbindet Hightech, Spaß und Alltagsnutzen mit einem vergleichsweise günstigen Preis von 114.750 Euro.
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„Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle?“ Was Wolfgang Petry bei jeder Aprés-Ski- und Hüttengaudi-Party singt, möchte man auch dieses Auto fragen. Denn die Hölle ist hier los, sobald man das erste Mal aufs Gaspedal steigt. 530 PS Leistung, 612 Newtonmeter Drehmoment, 315 km/h Spitze – damit ist Nissan nun endgültig am Olymp des automobilen Supersports angelangt. Autonet.at hat den modifizierten Porsche-Killer schon ausgiebig auf der ÖAMTC-Test- und Rennstrecke am Wachauring zur Brust genommen.
Was ist eigentlich neu?
Man muss schon ein Fachmann sein, um die Unterschiede zum Original-GT-R, der vor knapp drei Jahren präsentiert wurde, zu erkennen. Außen sind es die LED-Lichtleisten und marginale Veränderungen an der Karosserie. Neue aerodynamische Ergänzungen vor allem am Heck helfen dabei, die Windschlüpfrigkeit zu verbessern und dennoch mehr Abtrieb an der Hinterachse zu erzeugen. Weiteres Kennzeichen des Neuen: vier größere, ofenrohrmäßige Schalldämpfer.
Dramatischere Änderungen gab’s am Motor: Statt ursprünglich 485 PS leistet der 3,8-Liter V6-Biturbo nun die erwähnten 530 PS; das Drehmoment stieg von 588 auf 612 Nm. Analog dazu verbesserten sich die Fahrleistungen: Den Sprint auf 100 km/h absolviert der GT-R dank der feinen Traktion seines Allradantriebs in unfassbaren 3,046 Sekunden – damit gibt es nicht mehr viele Autos, die mit ihm mithalten können. Und schon gar nicht um den Preis: mit 113.650 für die Premium Edition und 114.750 Euro für die von uns getestete Black Edition kann man bei Ferrari höchstens eine Reservierung anzahlen. Dass der Preis gegenüber dem ersten GT-R doch deutlich gestiegen ist, liegt hauptsächlich an der NoVA-Erhöhung. Laut Nissan sank dafür der Verbrauch um ein paar Prozentlein, was aber im Test kaum zu beobachten war. Bei Autobahn-Cruising verbaucht der GT-R gute elf Liter, bei artgerechter Bewegung können es aber auch 17 oder 18 Liter werden.
Reifeprozess
Gerade Supersportwagen unterliegen einer ständigen Evolution, das hat uns ja schon Porsche gelehrt. Deswegen sind in die neue Version auch extrem viele Fahrwerks-Updates in das Modell eingeflossen. So gibt’s eine neue Domstrebe im Motorraum, modifizierte Feder- und Dämpfer-Abstimmungen und größere Brembo-Bremsen. Dazu kommen steifere 20-Zoll-Leichtmetallfelgen von RAYS und Reifen, die Dunlop extra für den GT-R entwickelt hat. Jede Änderung für sich ist keine Revolution, aber in Summe ergibt sich das Bild höherer Reife und souveräner Perfektion, wie wir noch sehen werden.
Fein im Detail
Die gewichtigsten Änderungen fanden jedoch dort statt, wo man sie als Fahrer am besten erkennt: beim Innenraum. Dort wurde ja ursprünglich die sehr trockene Gestaltung und die nicht immer premiummäßige Materialqualität moniert. Diese Kritik ist nun Geschichte: Die Mittelkonsole ist mit echtem Carbon verkleidet, was hübsch und edel aussieht. Die Drehregler sind ebenfalls einer Schönheitsoperation unterzogen worden, und die Schaltwippen hinter dem Lenkrad – zur Erinnerung: ein Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe gibt’s serienmäßig – sind weiterhin aus Magnesium gefertigt, aber lassen ihre metallische Struktur endlich auch silbern aufblitzen.
Supersport reloaded
Jetzt wird’s aber Zeit, den Motor von der Leine zu lassen. Der Sound ist schon beim Starten gewaltig, vielleicht sogar eine Spur rauer als früher. Die Komposition aus Ansauggeräuschen, Turbopfeifen und dem sonoren Brüllen aus den vier Auspuffrohren ist ein Gänsehautfabrikant erster Güte. Mit einem Zug an der Lenkradwippe legt sich der erste Gang ein – mit einem laut vernehmlichem „Klonk"; daran merkt man, dass der GT-R ein Supersportwagen und kein weichgespültes Sportcoupé ist. Sollte doch noch jemand Zweifel haben, empfiehlt sich nun ein Tritt aufs Gaspedal: Die Beschleunigung ist völlig abgehoben und eine veritable Herausforderung für die Wahrnehmung. Während andere Sportcoupés und auch nicht schwachbrüstige GTIs gerade die 100er-Mauer durchbrechen, rauscht der GT-R schon an der 200-km/h-Schwelle vorüber.
Sensibel und transparent
Doch der GT-R ist nicht einfach nur ein Vollgas-Macho, der vor der ersten Kurve kapituliert – wie etwa die Dodge Viper oder frühere Corvette-Generationen. Im Gegenteil: Im Lastenheft der Entwicklung standen ja schnelle Rundenzeiten, also geht’s auch um Stabilität, Beweglichkeit, Transparenz und eine gute Brems-Performance. All das wurde im neuen GT-R auf eine noch höhere Stufe gehoben. Vor allem das Kurvenverhalten ist nun noch eine Spur stabiler, das Verhalten im Grenzbereich berechenbarer geworden. Für schnelle Etappen auf öffentlichen Straßen empfiehlt es sich, alle einstellbaren Parameter – Allrad, Fahrwerk, ESP – in ihren jeweiligen R-Modus zu schalten. Dann lässt es sich sehr geschwind fahren, man hat aber dennoch ein kleines Fangnetz: Das ESP lässt im Racing-Mode jede Menge Spaß zu, verhindert aber immer noch das Schlimmste. Für den Kick auf der Rennstrecke lässt es sich komplett deaktivieren.
Der Alltag
Vom ersten Moment war es die erstaunliche Alltagstauglichkeit, die den Reiz des GT-R weiter vermehrte. Er hat unter dem Facelift in keiner Weise gelitten. Wie bisher gibt es vorne ausreichend Platz und zwei Notsitze im Fond. Man steigt ohne Kreuz-Verreißen ein und aus, kann zudem einen mit 315 Liter sehr vernünftig dimensionierten Kofferraum befüllen. Nicht zuletzt lässt sich das elektronische Fahrwerk auch in einen Komfort-Modus schalten, womit sich lange Etappen angenehm abspulen lassen. Einzige Einschränkung: Die Geräuschkulisse ist vor allem bei niedrigeren Geschwindigkeiten immer präsent. Bei höherem Speed relativiert sich der Lärm wieder, 180 ist ein feines, völlig relaxtes Reisetempo – bei kaum angetipptem Gaspedal.
Zum angenehmen Leben abseits der Rennstrecke trägt zudem der mitgelieferte Luxus bei: Was man bei Lambo und Porsche noch teuer extra bezahlen muss, ist hier aufpreisfrei an Bord: feine Recaro-Ledersitze, ein Navi-Entertainmentsystem mit 40-GB-Festplatte, die Freisprecheinrichtung, iPod-Anbindung, 20-Zoll-Felgen und vieles, vieles mehr.
Resümee: Ernsthafter Sport – und unendlich viel Spaß
Der GT-R ist ein ganz seltener Fall in der Automobilwelt, wo sich Hightech, Spaß und Alltagsnutzen und ein – vergleichsweise – attraktiver Preis auf höchstem Niveau verbinden. Das wäre nun der rationale Zugang. Im Wahrheit wird man in Liebe entflammen und im GT-R die Erfüllung eines Traums sehen oder halt weiterhin auf einen Lamborghini, Ferrari oder Turbo-Porsche sparen. Die kosten zwar fast das Doppelte, sind aber auch nicht schneller. Und damit das auch so bleibt, gibt’s dieses geglückte Update.
Drucken23.05.2011 von Peter Schönlaub