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RENAULT TALISMAN (LFD) PRESS TESTS AT FLORENCE
 
  • Bild: (c) FOULON, Stéphane
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Renault Talisman: Reine Glücksache

Als Nachfolger des Laguna soll künftig der Talisman gegen die deutsche Mittelklasse um Passat und Co punkten.

16.11.2015 | 00:32 | (autonet)

Den wichtigsten Faktor, den er zum Erfolg brauchen wird, den trägt er bereits im Namen. Denn ohne eine große Portion Glück dürfte es schwer werden für den neuen Renault Talisman, wenn er im Frühjahr den Laguna beerben und den schweren Kampf gegen Passat & Co ausfechten soll – selbst wenn die Preise bei konkurrenzfähigen 27 950 Euro (Deutschlandpreise, Österreichpreise noch nicht bekannt) beginnen.

Dabei hat Renault sein frisches Flaggschiff für diese Rolle gut gerüstet. Denn die Limousine ist nicht nur ausgesprochen elegant gezeichnet und hebt sich wohltuend ab vom einheitsgrauen Einerlei in der deutschen Mittelklasse. Sondern als Flachbau-Variante des neuen Espace nutzt sie einen bunten Strauß an Technologien, mit dem die Franzosen endlich mal wieder konkurrenzfähig sind und zumindest Opel oder Ford sogar ein bisschen älter aussehen lassen – von den LED-Scheinwerfern und dem Head-Up-Display über die Allradlenkung und die vielen Assistenzsysteme bis hin zur Charakterregelung Multi-Sense, dem Online-Infotainment R-Link und einem aufwändigen Beleuchtungskonzept mit Willkommensinszenierung, Abschiedsfunkeln und Ambientelicht in vielen Farben gibt es kaum einen Joker, den Renault in diesem Spiel nicht ziehen würde.

Gutes Ambiente

Das Ambiente ist denn auch der größte Trumpf der Limousine: Bei 4,85 Metern Länge, 2,81 Metern Radstand und extra dünnen Kuschelsitzen bietet sie nämlich nicht nur reichlich Platz auf allen Plätzen. Sondern mit Massagefunktion und Relax-Kopfstützen, Wohlfühl-Licht und einer ziemlich entrümpelten Bedienung rund um den großen, senkrechten Touchscreen gibt sie die Wellness-Oase auf Rädern und umschmeichelt Normalverdiener und Durchschnittsdeutsche so, wie es sonst nur S-Klasse-Fahrer kennen. Savoir vivre – die Franzosen wissen einfach, wie man es sich nett macht und das Leben auch im Auto genießt.

Konventionelle Technik

So ambitioniert das Innenleben des Talisman und so attraktiv sein Design auch sein mögen – unter dem Blech ist die Limousine von eher konventioneller Machart und wird es deshalb zumindest in Deutschland doppelt schwer haben. Denn die zwei Benziner und drei Diesel haben ausschließlich vier Zylinder, das größte Triebwerk hat gerade einmal 1,6 Liter Hubraum und die Leistungsspanne reicht lediglich von 110 bis 200 PS. Von dem in dieser Klasse immer öfter bestellten Allradantrieb ist für den Fronttriebler keine Rede und besonders sparsame oder gar alternative Antriebe stehen auch nicht zur Diskussion. Zwar gibt es Start-Stopp für alle und der Basisdiesel kommt auf einen Normverbrauch 3,6 Liter. Aber ein Hybrid oder gar eine Plug-In-Lösung sind für die Franzosen kein Thema.

Allradlenkung!

Auch wenn der Taisman nichts mehr will als einen entspannten und umsorgten Fahrer, ist es mit der Gelassenheit deshalb schnell vorbei, wenn man es mal ein bisschen eiliger hat. Zwar macht die Allradlenkung einen guten Job, lässt das Auto bei mittlerem Tempo und engeren Kurven agiler wirken und sorgt beim schnellen Ritt über die linke Spur für die nötige Ruhe. Und mit ein bisschen Phantasie und gutem Willen spürt man auch die das versteifte Setup der adaptiven Dämpfer. Doch sobald man etwas fester aufs Gas tritt,  macht sich Enttäuschung breit. Denn Downsizing hin, und Aufladung – ein großes Auto braucht große Motoren. Und dafür sind die Vierzylinder definitiv zu klein. Was bringen Normverbrauchswerte von 3,6 Litern Diesel bis 5,8 Litern Benzin, wenn man den Mangel an Souveränität im Alltag ständig mit einem schweren Gasfuß kompensiert? Selbst die dickste Isolierverglasung wird hinfällig, wenn die Rumpfmotoren nur oft genug gegen den Drehzahlbegrenzer orgeln und so die Kabine mit ihrem Sägen fluten. Und selbst wenn die Ambientebeleuchtung den Innenraum in noch so ein beruhigendes Violett taucht, steigt unweigerlich der Puls, wenn das Überholen zur Mutprobe wird. Klar ist man mit dem Spitzendiesel halbwegs flott unterwegs: Immerhin kommt er auf 160 PS, hat 380 Nm, wuchtet die Limousine in 9,4 Sekunden von 0 auf 100 km/h und schafft 215 Sachen. Aber man hechelt damit nur hinterher oder schwimmt im besten Fall mit dem Strom, statt der Masse voraus zu fahren. Was waren das doch für Zeiten, als auch Renault noch Sechszylinder gebaut hat!

Wellness-Oase

Davon abgesehen ist der Talisman zwar tatsächlich ein überraschend guter Gegner für Passat & Co geworden, hat nicht nur eine eigene Linie, sondern auch einen eigenen Charakter und findet als Wellness-Oase auf Rädern sicher seine Nische in der sonst so nüchternen Business-Klasse. Doch so richtig viel Fortune haben die Franzosen mit ihrem neuen Glücksbringer bislang noch nicht: Weil sie vom Start weg beste Qualität bieten wollen und dafür erstmals sogar fünf Jahre einstehen, haben sie die Markteinführung gerade nochmal ein paar Monate nach hinten geschoben. Das ist zwar peinlich, aber im Grunde kein Problem. Denn so richtig spannend wird es erst mit dem Kombi „Grandtour“ – und der kommt ohnehin erst ein paar Wochen nach der Limousine.

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