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Der neue Opel Astra stellt sich vor: Quantensprung?

Wenn der neue Opel Astra ab 10.10. zu den Händlern rollt, wollen die Rüsselsheimer damit sogar die Oberklasse ärgern. Leichtbau, Platzgewinn und High Class Telematik könnten den Weg dahin ebnen.

24.09.2015 | 13:52 | (autonet)

Sie sprechen vom Quantensprung und wollen sogar die Oberklasse ärgern: Wenn Opel am 10. Oktober zu Preisen ab 16.890 Euro endlich den neuen Astra ausliefert, nehmen die Hessen den Mund ziemlich voll. Aus guten Grund, mag man meinen: Schließlich sieht der neue Fünftürer klasse aus, weil sich die Karosse strammer und straffer um die etwas knappere Konstruktion spannt, der Blick entschlossen, der Stand breit und das Heck knackig ist. Und spürbar mehr Platz als früher bietet der Astra obendrein.

Doch wenn man einsteigt und zur ersten Ausfahrt mit dem Hoffnungsträger startet, macht sich ein wenig Enttäuschung, nun ja, zumindest Ernüchterung breit. Nicht weil das Auto schlecht wäre. Sondern weil Opel mit all dem PR-Brimborium der letzten Monate Erwartungen geweckt hat, die wahrscheinlich selbst ein Kompakter von Bentley nicht erfüllen könnte. Hartplastik in der unteren Hälfte das Armaturenbretts oder der popelige Deckel für die 12-Volt-Buchse, der einem auf dem Mitteltunnel förmlich ins Augen springt, wollen zum Beispiel einfach nicht zum selbst erklärten Premium-Anspruch passen. Genau wie die grobschlächtige Bedruckung der Lenkstockhebel. Der neue Schlüssel sieht nobel aus, liegt aber billig in der Hand. Und das Cockpit wirkt in Zeiten digital animierter Instrumente angestaubt und altmodisch wie das erste iPhone neben dem neuen 6s.

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Der Astra ist deshalb kein schlechtes Auto. Im Gegenteil: Es ist imposant, wie die Ingenieure durch radikalen Leichtbau bis zu 200 Kilo aus der Konstruktion heraus geholt haben. Das spürt man in jeder Kurve, wo sich der Astra agil und leichtfüßig anfühlt. Man merkt es beim Beschleunigen, wenn der Astra viel spontaner antritt und viel schneller in Fahrt kommt als früher. Und man profitiert davon es an der Tankstelle, wo der Astra künftig seltener anzutreffen ist. Nicht umsonst kommt der sparsamste Diesel jetzt schon ohne irgendwelche Öko-Editionen auf einen Verbrauch von 3,4 Litern.

Auch die neuen Benzin-Motoren machen eine gute Figur. Der 100 PS starke 1,4-Liter von der Basis taugt zwar wahrscheinlich nur als Alibi zur Preiskosmetik und auch unter 125 PS könnte man den Kunden mittlerweile einen sechsten Gang gönnen. Aber der neue Dreizylinder-Turbo mit einem Liter Hubraum und 105 PS ist eine Wucht. Wunderbar leiste und gut ausgeglichen, ist er ein tapferes Triebwerk, das sich von 1263 Kilo Auto nicht bange machen lässt: Mit 170 Nm schreitet er überraschend kräftig aus, mit ein bisschen Geduld schafft er 200 km/h und auf dem Prüfstand gibt es sich mit 4,3 Litern zufrieden. Darüber gibt im Astra ein neuer 1,4-Liter-Turbo mit 125 oder 150 PS seinen Ersteinsatz und an der Spitze steht vorerst ein 1,6 Liter mit soliden 200 PS, der die sportliche Seite des Golf-Gegners unterstreichen will.

Langer Diesel-Atem

Bei den Dieseln ist die Auswahl mit drei Triebwerken zwar noch ein bisschen mager, und das Spitzenmodell wird sich mit seinen 136 PS gegen die durchweg stärkeren Selbstzünder aus Wolfsburg und Köln erst einmal schwer tun. Doch für seine bescheidene Leistung macht der 1,6-Liter einen soliden Eindruck, flüstert vornehm, hat auf der Autobahn bei maximal 320 Nm einen langen Atem und stempelt den Herausforderer aus Hessen zu einem soliden Autobahn-Kurier. Spätestens wenn im Frühjahr der Kombi kommt, könnte das die erste Wahl werden.

Oberklasse-Extras

Nicht spektakulär, aber souverän, ausgewogen und agil, aber nicht aggressiv - so erlebt man den Astra als grundsoliden Golf-Gegner, der einfach einen richtig guten Job macht. Und spätestens beim Blick in den Katalog entdeckt man dann aber doch ein paar Überraschungen. Nicht so sehr, weil der Grundpreis unverändert bleibt. Das war beim Generationswechsel des Golfs nicht anders. Sondern weil der Astra zumindest bei den Extras Oberklasse ist. Die extrem guten Sitze mit Massagefunktion und Klimatisierung zum Beispiel bietet sonst kein anderer, und zusammen mit dem Duftspender und der Sitzheizung auch im Fond machen sie den Astra tatsächlich zum Wellness-Auto in der Kompaktklasse. Der Telematikdienst OnStar mit der Direktleistung zum Privatsekretär ist diesseits von BMW tatsächlich einzigartig und viel mehr Wert als Apples CarPlay oder Android Auto, was Opel natürlich trotzdem anbietet. Und spätestens wenn man bei Nacht die neuen Matrix-Scheinwerfer zündet und die ganze Zeit mit voller Strahlkraft fährt, ohne jemanden zu blenden, erscheint einem der Astra doch noch in einem neuen Licht.

Dünne Palette

Aber kein Licht ohne Schatten: Denn für die ganzen Oberklasse-Extras ist in der Entwicklung offenbar so viel Geld drauf gegangen, dass es für Kompaktklasse-Standards wie einen Allradantrieb, die Doppelkupplung oder die Verstelldämpfer nicht mehr gereicht hat. Und auch die Modellpalette könnte bei Opel etwas schmaler ausfallen als bei VW & C0. Der Kombi ist bei zuletzt 70 Prozent Verkaufsanteil in Deutschland zwar gesetzt, steht als Sports Tourer bereits auf der IAA und kommt im Frühjahr in den Handel. Doch der dreitürige GTC läuft ohne Astra im Namen erst einmal weiter und wird dann wohl nicht mehr ersetzt. Und auch der Nachfolger für das Astra-Cabrio Cascada steht in den Sternen.

Quantensprung

Plattform und Motoren auf das richtige Format geschrumpft, dank bis zu 200 Kilo Diäterfolg entsprechend sparsam und leichtfüßig, dazu ein tolles Design und ein paar echte Highlights in der Ausstattungsliste – für Opel ist der Astra tatsächlich ein Quantensprung. Kein Allrad, keine Doppelkupplung, kein adaptives Fahrwerk, zu wenig Dampf bei den Dieseln und reichlich Hartplastik in der unteren Hälfte des Armaturenbretts – für den Weg an die Spitze sind die Hessen allerdings ein kleines Stück zu kurz gesprungen. Zwar spürt man im neuen Astra viel vom neu erwachten Kampfgeist und glaubt Firmenchef Karl-Thomas Neumann, dass er tatsächlich wieder gewinnen will. Doch für dieses Mal reicht es allenfalls zum besten zweiten Sieger – aber einen Schuss hat Neumann noch: Als nächstes kommt schließlich der Passat-Gegner Insignia.

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