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Fahrbericht Opel Corsa: Wir sind wieder wer!

Opel hat endlich mal wieder einen Lauf: Die Zulassungszahlen steigen, das Minus schrumpft und die Image-Kurve zeigt steil nach oben. Ein Weg, den der neue Corsa fortsetzen wird.

19.10.2014 | 21:50 | (wiener)

Bislang fußt dieser Turnaround allerdings vor allem auf Nischenmodellen wie dem kleinen Lifestyle-Flitzer Adam und dem Zeitgeist-SUV Mokka. Doch jetzt wollen die Hessen den frischen Wind auch in die Volumensegmente tragen und bringen deshalb den neuen Corsa auf den Weg. Schließlich ist er mit vier Generationen und zwölf Millionen verkauften Einheiten in drei Jahrzehnten und im Schnitt 370 000 Zulassungen im Jahr einer der wichtigsten Pkw im Portfolio und muss allenfalls noch vor dem Astra den Hut ziehen, wenn er im November zunächst in kleinen Dosen und dann ab Ende Januar in voller Breite zu Preisen ab 10.990 Euro für den Dreitürer und 12.790 Euro für die Version mit separatem Zustieg zum Fond in den Handel kommt.

Schützenhilfe

Für diese wichtige Mission holt sich der Corsa Schützenhilfe bei seinem kleinen Bruder Adam - zumindest beim Design. Denn vor allem die Frontpartie des neuen Corsa erinnert stark an den Schmollmund des Adam. Dazu gibt es markant geformte Scheinwerfer mit zackigem Tagfahrlicht und eine etwas dynamischere Silhouette: Das Dach macht sich ein wenig flacher und sieht deshalb nicht mehr aus wie die Kuppel des Petersdoms und über die Flanke ziehen sich zwei schnittige Sicken. Nur am Heck tut sich so wenig, dass der neue Corsa auch als Facelift durchgehen würde. Kein Wunder, die Abmessungen sind schließlich mit 4,02 Metern Länge und 2,51 Metern Radstand nahezu identisch und die Plattform stammt noch vom Vorgänger. Entsprechend unverändert sind deshalb auch die Platzverhältnisse: Man sitzt vorne gut und hinten ordentlich und der Kofferraum schluckt je nach Sitzkonfiguration zwischen 285 und 1090 Liter Gepäck.

Computer, alles.

Nur weil die Bodengruppe bewährt ist, ist der neue Corsa aber noch lange kein altes Auto. Sondern zumindest die Hard- und die Software haben die Hessen gründlich überarbeitet oder gleich ganz erneuert. Das Fahrwerk macht deshalb einen viel erwachseneren Eindruck. Wo mittlerweile die meisten Hersteller auf verstellbare Dämpfer setzen, muss man beim Corsa allerdings zwischen einem komfortablen oder einem sportlichen Set-Up wählen. Dann bügelt der Kleinwagen entweder auch die schlimmsten Landstraßen überraschend glatt, oder er kachelt um die Kurven, als wolle das Serienmodell die fest eingeplante OPC-Variante überflüssig machen. Dabei hiflt auch die neue Servolenkung, die in der City-Stellung zwar butterweich ist, so dass man mit dem kleinen Finger einparken kann, die aber bei der flotten Landpartie eine feste Hand verlangt und viel Rückmeldung gibt.

 

Während die Achsen nur aktualisiert wurden, ist der Antrieb komplett neu. Zumindest, wenn man den kleinen Dreizylinder-Turbo bestellt, der vorerst an der Spitze der Motorpalette steht. Aus nur einem Liter Hubraum holt er bis zu 115 PS und macht einen ausgesprochen munteren Eindruck: Er dreht ungeheuer schnell nach oben, die Gedenksekunde ist kurz wie bei einem Twinscroll-Lader und mit bis zu 166 Nm kann man die Reifen beim Ampelspurt mit ein bisschen bösem Willen schon an die Haftgrenze bringen: „Die Freude am Fahren,“ so prahlt sich Motorenentwickler Matthias Alt, „ist eben doch nicht nur in München zu Hause.“

Smoover Dreizylinder

Es ist aber nicht allein die Kraft, mit der das kleine Triebwerk überzeugen kann. Mehr noch überrascht es mit seiner Laufkultur: Dank einer Ausgleichswelle gibt es kein lästiges Gerüttel und Geschüttel unter der Haube und bis auf das dezente Nageln beim Anfahren haben die Hessen auch die Geräuschkulisse gut im Griff: Selten hatte ein Dreizylinder so einen sonoren Klang wie die neue Ecotec-Maschine.

Spurtstark, schnell und ausgesprochen drehfreudig – so macht der kleine Motor bei der ersten Ausfahrt großen Eindruck. Zumal Alt das kleine Kraftpaket endlich mit einem zeitgemäßen Sechsganggetriebe, das mit kurzen Wegen und einer knackigen Abstufung überzeugt. Doch die Quittung dafür kann man unmittelbar auf dem Bordcomputer ablesen – mit Verbrauchswerten jenseits von sieben Litern. Aber das sehen die Hessen eher als Beleg für den versprochenen Fahrspaß und lassen sich darüber keine grauen Haare wachsen: Auf dem Prüfstand ist der Motor schließlich mit 4,9 Litern zufrieden und damit voll konkurrenzfähig. Außerdem gibt es ja für sparsame Gemüter noch zwei Diesel mit etwa 75 und 95 PS, die beide eine Drei vor dem Komma haben. Und auch bei den Benzinern hat Opel mehr Auswahl in Petto: Neben dem Dreizylinder mit 90 oder 115 PS gibt es noch den 75 PS starken 1,2-Liter im Basismodell und einen 1,4-Liter, der mit 90 oder 100 PS angeboten wird.

Nobel im inneren

Während sich der Corsa beim Design am Adam orientiert und vom kleinen Bruder die neuen Motoren übernimmt, treibt er es innen allerdings nicht ganz so bunt und will stattdessen lieber mit mehr Noblesse punkten. Premium ist deshalb angesagt, wo früher Plastik dominiert hat, weil sonst der Polo gar vollends unerreichbar wird. Deshalb empfängt einen der Corsa E innen mit reichlich Lack und Leder: Lenkrad, Handbremse oder Schaltknauf tragen feinen Besatz mit aufwändigen Nähten und auf den Konsolen sieht man jede Menge Chrom und Klavierlack durch. Dazu gibt’s den großen Touchscreen mit Navi-App und der ersten IntelliLink-Anwendung zur kinderleichten Smartphone-Integration in der Großserie. Hinter dem Spiegel prangt das Opel Eye, liest Verkehrsschilder, überwacht die Fahrspur und achtet auf den Abstand zum Vordermann. Sensoren kontrollieren den Toten Winkel. Und ganz unten in der Mittelkonsole glühen die pfiffigen Klimaregler aus dem Adam. Nur die schlichten Instrumente mit den drögen Displays und die uralten Lenkstockhebel wollen da nicht so recht ins vornehme Bild passen. Und auch mit bunt bedruckten Sitzpolstern und grellen Zierstreifen im Cockpit wird der Corsa nicht so farbenfroh wie etwa der neue Skoda Fabia.

Der beste Corsa aller Zeiten

Zwar ist der neue Corsa natürlich der beste Corsa aller Zeiten. Und VW Polo oder Ford Fiesta sind zwei mittlerweile in die Jahre gekommen und deshalb halbwegs leichte Gegner. Doch die Konkurrenz aus dem Ausland ist dafür größer denn je: Hyundai i20 und Skoda Fabia sind nagelneu und dem Corsa mindestens ebenbürtig, und Autos wie der Kia Rio, der Renault Clio oder der Peugeot 208 machen auch keine schlechte Figur. Doch Opel lässt sich davon nicht bange machen, hält große Stücke auf seine kleinen Autos und baut die Flotte am unteren Ende mit dem neuen Einstiegsmodell Carl sogar noch aus. Und egal wie stark die Wettbewerber auch sein mögen, haben die Hessen sogar mit dem alten Corsa noch einen kleinen Sieg errungen – und den Erzgegner Polo in September-Zulassungen zum ersten mal seit Urzeiten wieder geschlagen. Am Ende waren es zwar nur 100 Einheiten Unterschied. Doch ein gutes Omen für den Start des neuen Modells ist so ein Endspurt allemal.

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