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67.835 Euro ruft Infiniti für den M35h in der von uns gefahrenen Ausstattung GT Premium aus.
 
  • Bild: Mario Schultes
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Infiniti M35h: Tetris für Fortgeschrittene

Als Motorjournalist hat man das Privileg mit einem Testwagen auch mal eine längere Reise antreten zu dürfen. Diesmal sollte es ein Roadtrip von Wien nach Bratislava über Budapest zum Plattensee werden. Strecke: rund 650 km; Zeit: eine Woche; Fahrzeug: Infiniti M35h – der Hybrid aus der Reihe der M-Limousinen;

09.08.2012 | 00:00 | (autonet)

Der Wagen ist voll, der kleine Kofferraum (dazu später mehr) ebenfalls und der Verbrauchszähler genullt. Der Bordcomputer zeigt gut 700 km Reichweite – sollte für unsere Strecke reichen. Die Reise kann beginnen. Auf geht’s auf die Ostautobahn vorbei an Neusiedlersee und Kittsee nach Bratislava. Der Tempomat hält die vorgegeben 140 km/h (wir wollen keine Strafe riskieren, aber auch nicht einschlafen) und der Drehzahlzeiger, 7-Gang-Automatik sei Dank, steht bei knapp über 2.000 Umdrehungen. Erster Blick auf den Bordcomputer: 8,6 Liter; Kein schlechter Wert, der sollte jedoch noch weiter nach unten wandern. Schließlich verspricht das Datenblatt einen Durchschnittsverbrauch von 6,9 Liter.

Leistung mit Sinn
Bei einer Systemleistung von 364 PS ein beachtlicher Wert. Systemleistung deshalb, weil der 306 PS starke 3,5-Liter V6-Benziner durch einen 68 PS Elektromotor unterstützt wird. Nach kaum einer Stunde Fahrt, Ankunft im unaufgeregten Bratislava. Wer über den Drehschalter in der Mittelkonsole den ECO-Modus auswählt und beim Anfahren das Gaspedal streichelt, kommt rein elektrisch bis zu zwei Kilometer weit und das bei Geschwindigkeiten bis 100 km/h. Danach schaltet sich der Benziner automatisch zu, treibt den M35h an und lädt dabei gleichzeitig die 1,4 kWh-Lithium-Ionen-Akkus. Die sind übrigens der einzige grobe Schnitzer, den wir während des 10-Tages-Tests entdeckten. Denn sie sind nicht nur stehend hinter der Rückbank angebracht und unterbinden somit das Umklappen der Sitze oder das Auffinden einer Skidurchreiche, sondern nehmen dem Kofferraum auch noch reichlich an Platz. Der fasst – für eine 4,95 Meter lange Limousine – lächerliche 350 Liter und damit um 150 Liter weniger als der Standard-Benziner. Da ruft das Verstauen vier größerer Reisetaschen Erinnerungen an „Tetris“ ins Gedächtnis.

Auf nach Budapest
Aber zurück auf die Autobahn: Wir reduzieren das Tempo auf 130 km/h und siehe da, der Verbrauch bewegt sich mit 7,9 Litern doch ein gutes Stück abwärts Richtung Werksangabe. Und während wir so seidenweich dahin gleiten, bleibt Zeit zur eingehenderen Erprobung der serienmäßig mitgelieferten Assistenzsystemen wie etwa dem Abstandsradar. Das System detektiert das vorausfahrende Fahrzeug und hält automatisch den vorher über das Lenkrad gewählten Abstand ein. Hier zeigte sich, dass selbst der kleinstmöglich wählbare Abstand (es gibt drei Stufen) zu groß ist und immer wieder Autos – egal ob auf der Autobahn oder in der Stadt – in die Lücke fahren, was zu abruptem Abbremsen führt. Das Ausprobieren des Spurhalte-Assistenten, bereitete den Mitfahrern ein wenig Sorgen. Verständlich, wenn der Fahrer bei 130 km/h in langgezogenen Autobahnkurven beide Hände vom Lenkrad nimmt. Siehe da, sobald der M35h eine weiße Linie berührt, piepst und bimmelt es (was der Infiniti übrigens nur zu gerne wegen jeder Kleinigkeit macht) und der Wagen zieht sich selbst wieder zurück in die Spur. Dabei sind wir wieder im ECO-Modus unterwegs und spüren im rechten Fuß einen Gegendruck des Gaspedals – nennt sich „ECO-Pedal“, unterbindet ausgelassene Beschleunigungs-Orgien und sorgt für niedrigere Spritverbräuche.

Bass, Bass, wir brauchen Bass
Ankunft in Budapest. Wieder rollen wir flüsterleise durch die Stadt und genießen an jeder Bushaltestelle die nachschweifenden Blicke der meist wunderschönen Damen. Das 16 Lautsprecher umfassende BOSE-Soundsystem will auch mal ausprobiert werden. Also Scheiben runter, Lautstärke rauf. Ja, kann sich hören lassen. Plötzlich piepst es wieder. Diesmal war‘s der Kollisionswarner, der uns vor einem klassischen Auffahrunfall bewahrt hat.

Ass on the Rocks
Tag vier unserer Reise. Wir fahren nach Mogyoród. Rund 25 km nordöstlich von Budapest befindet sich dort der Hungaroring, an dem noch am Wochenende zuvor die Hölle beim Formel 1-Grand Prix los gewesen sein muss. Als wir ankamen – Leere, keine Menschen-Seele unterwegs, die Strecke ist von außen so gut wie nicht einsehbar und ein Runde dürfen wir auch nicht drehen. Dann muss zur Triebbefriedigung halt der Rennstreckenparkplatz für ein paar gepflegte Drifts im Sportmodus herhalten – dank Heckantrieb und 350 Nm Drehmoment kein großes Problem für den M35h. Selbst kompetitive Ampelsprints braucht er nicht zu scheuen, der noble Japaner: mit Beschleunigungswerten von 0 auf 100 in 5,5 Sekunden lässt er selbst Porsche Panamera Hybrid oder BMW ActiveHybrid 5 hinter sich. Der Tag neigt sich dem Ende zu. Wir cruisen zurück Richtung Wien und sinnieren über das extensiv noble und hoch qualitative Interieur des M35h.

Fazit und Preis
67.835 Euro ruft Infiniti für den M35h in der von uns gefahrenen Ausstattung GT Premium aus. Während man dafür bei BMW nicht einmal einen „nackten“ ActiveHybrid 5 bekommt, der kostet mindestens 70.260 Euro, sind da bereits im Infiniti Abstandsradar, Spurverlassens- und Auffahrwarner, BOSE-Soundsystem, belüftete Ledersitze und einiges mehr, serienmäßig. Einzig der viel zu kleine Kofferraum passt nicht ins Gesamtbild des sonst perfekt gelungenen M35h. Lenkung, Fahrwerk, Geräuschentwicklung alles tadellos. Ankunft in Wien, wir tanken. Respektable – wir waren ja die ganze Zeit voll beladen unterwegs – 8,4 Liter ergibt die Rechnung.

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