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Der Nachfolger des Lamborghini Murcielago hört auf den feinen Namen aventador. Seine Konkurrenz schüchtert er mit dem neuen 700-PS-V12-Motor ein.
 
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Lamborghini Aventador: Der Karbon-Jet

Wie fühlt sich ein Ritt auf einer Rakete an? Genau wissen wir es nicht. Nach den ersten Testkilometern mit dem neuen Lamborghini Aventador, aber wohl am ehesten so.

28.04.2011 | 00:00 | (autonet)

Dieses Auto macht seinem Namen alle Ehre: Denn Aventador war nicht nur ein besonders tapferer Kampfstier. Sondern damit meint der Spanier umgangssprachlich auch den Tritt in den Hintern. Und den spürt man am Steuer des neuen Supersportwagens von Lamborghini auf Anhieb. Sobald man wie ein Kampfpilot am Drücker mit dem Taster unter einer roten Schutzklappe den nagelneuen V12-Motor startet, wird man derart in den Sitz gepresst, dass dagegen ein Tritt in den Allerwertesten noch sanft ist.

Die Kampfansage
In 2,9 Sekunden reißt das 6,5 Liter große Triebwerk den Karbonjet auf Tempo 100, nach nur 8,9 Sekunden zeigt der viel zu kleine Digitaltacho schon 200, in 24,5 Sekunden sind 300 km/h erreicht, und wenn die Gerade dann noch nicht zu Ende ist, jagt der Tiefflieger weiter bis 350 km/h. So etwas hat es diesseits der Formel 1 selten gegeben. Das passt zum Anspruch, den der Ferrari-Konkurrent seit über 40 Jahren zum Leitmotiv erhoben hat: „Wir sind immer weit über das hinausgegangen, was die anderen überhaupt für möglich gehalten haben“, sagt Markenchef Stephan Winkelmann und nimmt den Mund auch für den Aventador entsprechend voll: „Kein anderer Supersportwagen ist mit unserem neuen Flaggschiff zu vergleichen“, tönt der Presidente und reklamiert einen gewaltigen Vorsprung: „In Design und Technik haben wir mit dem Aventador eine ganze Generation übersprungen.“

Keine Blechtrommel
Dieser Stolz fußt nicht allein auf dem bitterbösen Design des Donnerkeils, der sich nur 1,14 Meter tief auf die Straße duckt, durch seine riesigen Lufteinlässe jeden Kleinwagen einsaugen könnte und so scharf gefalzte Bleche trägt, dass man bei jeder Berührung Angst vor Schnittwunden haben muss. Sondern auch technologisch reklamiert Winkelmann diesmal eine Führungsposition für den 4,78 Meter langen und gewaltige 2,03 Meter breiten Zweisitzer: Als eines der ersten Autos seiner Art besteht der Aventador fast vollständig aus einer Karbonstruktur, die in einem halbwegs maschinellen Prozess hergestellt wird. Nicht von Hand geschnitten und gebacken wie zuletzt beim Mercedes SLR, sondern wenigstens zum Teil automatisiert entsteht so zum Beispiel ein nur knapp 150 Kilogramm schweres Monocoque aus Kohlefaser. Dazu gibt es ein Chassis aus Karbon und Aluminium und am Ende ein Trockengewicht von 1575 Kilogramm. Mit Sprit, Öl und Fahrer dürften das noch immer 1,8 Tonnen sein, so dass der Aventador eher im Schwer- als im Fliegengewicht antritt. Aber immerhin sind das 90 Kilogramm weniger als noch beim Murcielago. Außerdem sinkt damit der Verbrauch um 20 Prozent auf 17,2 Liter.

Gewitter im Genick
Was der Wagen wiegt, wird beim Fahren allerdings vollkommen hinfällig. Denn mit so viel Kraft im Überfluss spielt die Physik ohnehin keine Rolle mehr: Vorwärts, vorwärts, eine andere Richtung kennt der Lamborghini nicht. Während das doppelt armdicke Endrohr beim Anfahren draußen die Wände wackeln lässt, die Nadel des Drehzahlmessers über die 8000er Marke wischt als wäre der rote Bereich ihre Wohlfühlzone und im Genick ein Gewitter losbricht, schleudert das 6,5 Liter große Kraftwerk das Coupé mit der Macht von 690 Nm dem Horizont entgegen.

50 Millisekunden für den Gangwechsel
Während der Preis von 384.700 Euro im Rausch des Reisens ebenso an Bedeutung verliert wie der CO2-Ausstoß von fast 0,4 Kilogramm pro Kilometer, rücken andere Zahlen in den Vordergrund: Zum Beispiel die 50 Millisekunden, die das neue Getriebe bestenfalls für den Gangwechsel benötigt. Denn zum ersten Mal in einem Straßenauto kommt bei Lamborghini eine Schaltung mit so genannten Independant Shifting Rods (ISR) zum Einsatz, für die ein manuelles Siebenstufengetriebe automatisiert wird. Das schaltet nicht nur schneller als je zuvor und im Ernstfall mit der Kraft, mit der die Klitschko-Brüder ihre Gegner niederstrecken, sondern braucht auch weniger Platz und ist nur halb so schwer wie eine Automatik mit Doppelkupplung.

Ritt auf der Rakete
Ebenfalls eine Serienpremiere feiert das Fahrwerk mit so genannten Pushrods, das Lamborghini aus der Formel 1 entlehnt hat. Zusammen mit dem traditionellen Allradantrieb, einem Heer elektrischer Helfer und natürlich der ausgefeilten Aerodynamik sorgt es dafür, dass der Tiefflieger nie die Bodenhaftung verliert. Selbst wenn man vom vergleichsweise zahmen „Strada“-Modus, in dem der Aventador nicht giftiger ist als ein Audi R8, in die Rennstufe „Corsa“ wechselt und einem Profi auf der Ideallinie hinterher hechelt, kommt der Fahrer viel schneller an seine Grenzen als das Auto. Vollbremsungen in Haarnadelkurven, Sprints zwischen zwei Schikanen und Überholduelle auf der Start-Ziel-Geraden: Nie fühlt sich die Fahrt nach dem an, was sie eigentlich ist: Ein Ritt auf einer Rakete.

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