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Neues Modell: Bristol Bullet - (c) Bristol Bullet Ltd
 
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Neues Modell: Bristol Bullet

Die Kultmarke meldet sich nach fünfjähriger Funkstille mit einem völlig neuen Auto zurück.

09.08.2016 | 13:57 | Kleine Zeitung

Nur Connaisseuren entlockt der Name noch ein respektvollen Kopfnicken. Dabei war die Marke, die 2011 in die Insolvenz rutschte, gar nicht so lange weg vom Fenster. Aber Bristols waren eben nie für die Masse gedacht – seit seiner Gründung 1946 produzierte der britische Hersteller nämlich Luxusgefährte in Kleinserien und verkaufte sie an handverlesene Kundschaft. Eine Marke wie ein Geheimbund.

Jetzt aber soll sich der Kreis der respektvoll mit dem Kopf Nickenden jedenfalls drastisch vergrößern. Einen Monat nach dem Aus im Jahr 2011 hat nämlich die Schweizer Firma Kamkorp Autokraft den Traditionshersteller übernommen und sich zunächst auf das Restaurieren und den Handel mit alten Bristols spezialisiert. Dahinter verbirgt sich der Selfmade-Unternehmer Kamal Siddiqi – und dem war Streicheln der Geschichte nicht genug.

Stattdessen bringen die Briten zum ersten Mal seit 2004 und pünktlich zum 70. Geburtstag der Marke ein neues Modell auf den Markt: den Bullet. Der Speedster mit extrem niedriger Windschutzscheibe ist 4,2 Meter lang und den V8, der unter der langen Haube arbeitet, kaufen die Briten bei BMW zu. Das 4,8-Liter-Triebwerk liefert 374 PS und 490 Newtonmeter maximales Drehmoment. Der Saugmotor ist an ein manuelles oder ein Automatikgetriebe mit je sechs Gängen gekoppelt und wuchtet die 1,2 Meter flache Flunder in 3,8 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Der Topspeed ist auf 250 begrenzt.

Mit dem Bullet hat der bayrische Kraftlackl im wahrsten Sinn des Wortes leichtes Spiel: Im Gegensatz zu den Modellen der Vergangenheit besteht seine Karosserie nämlich nicht aus Aluminium, sondern aus kohlefaserverstärktem Kunststoff, was das Leergewicht auf 1100 Kilogramm drückt.

Und das Ganze kam so: Beim Durchforsten des alten Werks in Bristols Stadtteil Filton lüfteten Kamal Siddiqi und seine Söhne eine Plane und entdeckten darunter ein ihnen völlig unbekanntes Auto. Einen Speedster. „Es hatte Nummernschilder aus dem US-Bundesstaat Colorado“, erinnert sich Noamann Siddiqi. „Laut der Fahrgestellnummer stammte es aus dem Jahr 1966, aber wir haben keine Aufzeichnungen gefunden. Keine Zeichnungen, nichts. Ein echter Scheunenfund in unserem eigenen Werk.“

Auch Mitarbeiter aus der damaligen Zeit erinnerten sich zwar an das Einzelstuck, konnten aber nicht viel beisteuern, um das Rätsel zu lösen: „Wir hatten schon damals keine Ahnung was das ist. Wir haben es einfach Bullet genannt.“ Nach einem Jagdflugzeug der Marke aus dem Jahr 1916.

Und damit hatte das Kind, dessen Form den neuen Bullet inspiriert haben soll, einen Namen. Sein Design zitiert die Wurzeln der Marke als Flugzeugbauer: Die Bristol Aircraft Company war ein erfolgreicher Hersteller von Flugzeugen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es weniger Bedarf für Bomber und Jagdflugzeuge und Bristol stieg in die Autoproduktion ein. Das erste Modell – den 400 – entwickelten die Briten mit der Hilfe von Frazer-Nash und BMW.

Aber besser: Schließlich kam man aus dem Flugzeugbau, die Ansprüche an die Qualität, Materialien und Verarbeitung müssen bei vierrädrigen Gefährten mindestens genau so hoch sein. Das mag finanziell vielleicht nicht der schlaueste Zug gewesen sein, der große Aufwand in der Produktion machte ihre Autos aber zum so ziemlich Besten, was es auf der Insel zu kaufen gab.

Vor allem ab 1959, als die Autosparte ausgegliedert und unter die Leitung des Londoner Bristolhändlers Anthony Crook gestellt wurde. Crook bedeutet Gauner – würden Sie diesem Mann ein auto abkaufen? Jedenfalls lebte der ehemalige RAF-Pilot und Rennfahrer Bristol wie kein anderer. Es folgte die Blütezeit der Marke, in der Crook die Modelle der 400er- und 600er-Serie zu technischen Leckerbissen reifen ließ.

Aber trotz horrender Preise blieb für Neuentwicklungen nicht viel Geld übrig, zumal Mister Crook seine Autos nicht jeden kaufen ließ. Wer nicht würdig erschien, bekam einfach keines, und es soll sogar Kunden gegeben haben, die nicht einmal in den Londonder Schauraum durften. Die Produktion lag in den 1990er-Jahren bei 20 Autos pro Jahr. Schließlich schlitterte die chronisch klamme Marke 2011 endgültig in die Zahlungsunfähigkeit.

Den Showroom in Kensington gibt es übrigens immer noch, aber die Türen stehen heute weit offen. Sogar, wenn man gar nicht dort ist. Mit einem Druck auf einen Knopf im Cockpit, sind die Bullet-Fahrer mit der Zentrale verbunden. Das Armaturenbrett kann klassisch mit Holzfurnier oder modern mit Carbon gestaltet werden. Touchscreen, Bluetooth, WiFi und Smartphone-Integration stehen der typisch britischen Schrulligkeit gegenüber: In Form eines Betriebsstundenzählers, der wiederum an Bristols Anfänge im Flugzeugbau erinnern soll.

70 Stück will Bistol vom Bullet mit den guten alten Verbrennungsmotor von BMW zu einem Preis von weniger als 300.000 Euro im südenglischen Chichester in Handarbeit bauen. Dann steigen die Briten auf einen Hybridantrieb mit Range-Extender von Frazer-Nash, die heute zum gleichen Multi-Konzern wie Bristol gehören, um. BMW, Frazer-Nash, Bristol – man trifft sich eben immer zwei Mal im Leben.

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